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Auschwitz-Gedenken in der ARD : Die wahr gewordene Welt eines Albtraums

Die Briten fürchteten, es könnte kontraproduktiv sein, den Deutschen, die man bald als Verbündete gegen Stalin brauchte, die in ihrem Namen begangenen Verbrechen derart drastisch vor Augen zu führen. Die Amerikaner gestalteten mit dem Material einen kurzen Lehrfilm, an dessen Produktion Billy Wilder beteiligt war. Von fünfhundert Kinobesuchern blieben bei einer Testvorführung von „Death Mills“ in Würzburg gerade einmal rund 75 im Saal, erinnerte sich Wilder später in einem Interview, das der Regisseur Andre Singer in seinen Dokumentarfilm „Night Will Fall“ aufgenommen hat. Dieser Film über den Holocaust handelt im Jahr 2015 vom Scheitern des Films über den Holocaust im Jahr 1945. Dazwischen liegen siebzig Jahre, in denen die Judenvernichtung Gegenstand unzähliger Dokumentationen und fiktionaler Stücke in Kino und Fernsehen war. Und doch haben wir Bilder wie diese noch nicht gesehen: Aufgenommen in einem Augenblick der Verblüffung und des Entsetzens, dass so etwas möglich ist, von einer Direktheit, bei der man begreift, warum einige der Kameraleute sagen, sie hätten das, was geschah und was sie filmten, gar nicht mit ihrer eigenen Realität in Verbindung setzen können, so unwirklich sei die Grausamkeit gewesen. Die wahr gewordene Welt eines Albtraums, wie der BBC-Reporter sagte.

„Night Will Fall“ setzt Maßstäbe

Die ARD tut gut daran, „Night Will Fall“ ins Zentrum ihres Abends zum Gedenken an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vor siebzig Jahren zu stellen. Sie beginnt mit einer Reportage, die zeigt, wie das Vermächtnis von Auschwitz heute auf junge Leute wirkt. Sie endet gegen Mitternacht mit einem leider missglückten Versuch, das Grauen weniger in Worte und Bilder, sondern in Musik und Bilder zu fassen. Das wirkt in der Dokumentation „7 Tage . . . Auschwitz - Ein musikalisches Experiment“ leider sehr aufgesetzt und banalisierend, überladen und zugleich ratlos. Hier wollten die Filmemacher, wie sie auch ausführlich erläutern, im Umgang mit Auschwitz und dem Gedenken an die Judenvernichtung einmal etwas ausprobieren. Sie hätten es lieber bleibenlassen sollen.

Der Film des Teams von Sidney Bernstein hingegen setzt, soweit man das nach den in „Night Will Fall“ wiedergegebenen Passagen beurteilen kann, einen Maßstab. Er diente in Auszügen als Beweismaterial bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen. Er zeigt, was der Holocaust, was ein Genozid bedeutet. Und drückt in seinem Script zugleich eine Hoffnung aus: „Wenn die Welt die Lehre, die uns diese Bilder erteilen, nicht versteht, wird es Nacht werden. Aber wir, die Lebenden, werden, mit Gottes Hilfe, lernen.“ Ob die Welt diese Lehre gezogen hat? Man darf es bezweifeln.

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