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Auschwitz-Dokumentation im ZDF : Was sie durchmachte, hat sie ihrem Sohn nie erzählt

Gerda Leyserson (Magdalena Plyszewska) mit Sohn Peter bei der Deportation. Bild: Sylwia Mucha/Anna Gondek

Hugo Egon Balder verbindet die Geschichte seiner Mutter mit der des Holocaust: „Mit dem Mut der Verzweiflung - 70 Jahre nach Auschwitz“. Für einen seltenen Moment gibt der Moderator Balder einen sehr intimen Einblick.

          Kann man von Auschwitz erzählen, ohne dass es weh tut? Ist das der Weg, mehr Zuschauer für eine Dokumentation zu gewinnen, die vom Grauen des Holocaust handelt? Zuschauer, die sich auch am siebzigsten Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers, das zum Synonym für organisierten Massenmord wurde wie kein anderes, sagen mögen: Wir wissen doch schon alles. Wir kennen die Zahlen: mehr als eine Million Tote allein in Auschwitz. Wir kennen die Bilder: Leichenberge, Augenpaare in ausgemergelten Gesichtern, Schuhe, Koffer, Knochen, Haare - es war entsetzlich, es bleibt unvorstellbar, es darf sich nie wiederholen, aber wir wollen uns das nicht wieder anschauen. Weil schon das Hinsehen weh tut.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Wie also soll das gehen, die Erinnerung an den Holocaust wachhalten, wenn die letzten Zeitzeugen bald nicht mehr sind? Wie will man diejenigen erreichen, die schon zu viel von der Nazi-Zeit gehört zu haben glauben, und eine junge Generation, für die das Ende des Zweiten Weltkriegs schon sehr weit weg ist? Die Antwort, die das ZDF in der Abfolge von Sendungen zum Gedenktag auf diese Fragen gibt, sucht den Abwehrreflex zu unterlaufen. Das gelingt über weite Strecken der Doku „Mit dem Mut der Verzweiflung“ (Buch: Dirk Kämper und Winfried Laasch) erstaunlich gut. Doch genau da liegt das Problem.

          Hugo Egon Balder moderiert die szenische Dokumentation. Ein Mann aus dem komischen Fach, hier mit ernsten Auftrag - das mag den Zugang erleichtern. Wir sehen Balder in einer Studioanimation, die dem Berliner Stelenfeld nachempfunden ist, als einordnenden, nachfragenden, nachdenklichen Erzähler, der Überleitungen schafft zwischen eingespielten Interviews mit Zeitzeugen und Historikern, Animationen, Archivmaterial und vor allem Spielfilmsequenzen. Nachgestellte Szenen aus dem Leben von fünf Menschen, die in die Vernichtungsmaschinerie der Nazis gerieten, tragen den Film. Eine Biographie berührt die des Moderators: Es ist das Schicksal seiner Mutter.

          Abbruch wenn es ans Unvorstellbare geht

          Vom Abstraktum Holocaust zur Familiengeschichte ist es nur ein Schritt. Was Balders Mutter Gerda Leyserson als Jüdin im Dritten Reich und als Gefangene in Theresienstadt durchmachte und wie sie überlebte, hat sie ihrem 1950 geborenen Sohn nie erzählt. Erst vor einem Jahr erfuhr er in der WDR-Sendung „Vorfahren gesucht“ Details. Die Moderation ist also auch Teil einer persönlichen, halb privaten, halb öffentlichen Spurensuche, doch das drängt sich an keiner Stelle in den Vordergrund.

          Balder macht seine Sache gut. Dass er erst heute verstehe, warum seine Mutter so hart gegen sich und andere gewesen sei, gehört zu dem wenigen wirklich Intimen, das er preisgibt. Das Schicksal seiner Mutter ist in der Sendung eines von vielen, wobei jede Biographie einen anderen Zugriff auf die Geschichte ermöglicht. Der Katholik Witold Pilecki lässt sich als Offizier der polnischen Untergrundarmee nach Auschwitz verschleppen, um herauszufinden, was dort mit seinen Kameraden geschieht. Er schleust Informationen über das Lager nach draußen, versucht Widerstand zu organisieren, und schließlich gelingt ihm die Flucht. Sein Sohn erinnert sich vor der Kamera an seinen Vater. An Fredy Hirsch erinnert sich der Künstler Yehuda Bacon, der als Kind in Auschwitz in seiner Obhut war. Hirsch stammte aus Aachen, war als Jude und schwuler Mann doppelt in Gefahr, als die Nazis an die Macht kamen, floh nach Prag und arbeitete in der zionistischen Jugendbewegung. Als Häftling in Theresienstadt und Auschwitz schützte er im Kinderblock, wen er konnte - und nahm sich das Leben, als er nicht mehr schützen konnte. Der Auschwitz-Überlebende Hans Frankenthal, der Zwangsarbeit und Todesmärsche überstand, kehrte in seinen Heimatort zurück. 1999 starb er, wir sehen ihn in seinem letzten Interview, das leider nicht als solches gekennzeichnet ist. Itzhak Birnhack verliebte sich in einem Lager bei Krakau in seine spätere Frau Rena Ferber. Dem Tod entkamen beide durch Willenskraft und eine Kette von Zufällen. Sie emigrierten nach Israel, auch dieses Paar sehen wir in Interviews, und jedes seiner Worte steht für sich als Zeugnis.

          Dieser Zeugnischarakter fehlt den nachgestellten Szenen. Detailgetreu ausgestattet und zurückhaltend von deutschen und polnischen Schauspielern gespielt, brechen sie ab, wenn es ans Unvorstellbare geht. Dabei geraten sie allzu oft allzu idyllisch, sichtlich bemüht, die Opfer würdig zu zeichnen. Das ist verständlich, es macht das Zusehen leicht und vermittelt eine Ahnung davon, wie fünf normale Leben in eine Hölle verwandelt wurden. Vorstellbar wird so dennoch wenig. Abgesehen von den Zeitzeugengesprächen prägt vor allem ein Bild ein: Es zeigt Tausende Schatten in einer Gaskammer.

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