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Aus für die „Lindenstraße“ : Diesmal gehen sie so ganz

Ende einer Ära: Bald wird in der „Lindenstraße“ nicht mehr gemeinsam am Tisch gesessen. Bild: dpa

Die ARD setzt der „Lindenstraße“ 2020 ein Ende. Der Erfinder der Serie, Hans W. Geißendörfer, ist außer sich. Er hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt.

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          Diesem Ende wohnt kein Zauber inne, sondern nüchterne Kalkulation: Die Fernsehprogrammkonferenz der ARD hat sich dagegen ausgesprochen, die „Lindenstraße“ noch länger fortzusetzen. Die wöchentlich ausgestrahlte Serie läuft seit Dezember 1985 im Ersten, die letzte Folge soll im März 2020 gezeigt werden. Nach 35 Jahren endet damit ein großes Kapitel der deutschen Fernsehgeschichte.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Die „Lindenstraße“ sei eine Ikone des Fernsehens, sagt der ARD-Programmdirektor Volker Herres, doch müsse man „nüchtern und mit Bedauern“ feststellen, dass das Zuschauerinteresse und „unsere unvermeidbaren Sparzwänge“ mit den Produktionskosten einer solchen Serie nicht vereinbar seien. Das mit den Sparzwängen ist Unsinn, die ARD ist finanziell bestens ausgestattet und könnte sich die „Lindenstraße“ jederzeit leisten. Der Verweis auf das Zuschauerinteresse ist schon etwas anderes.

          Dieses fehlt der „Lindenstraße“ nämlich seit geraumer Zeit. Bei Zuschauern mittleren Alters, den Jüngeren sowieso, kommt die Serie nicht an. Es gibt einen Generationenabriss, der sich mit dem Selbstverständnis der „Lindenstraße“ nicht verträgt. Sie will die Serie sein, welche die Befindlichkeiten der Gesellschaft spiegelt wie keine zweite, sie will und soll politisch und aktuell sein, auf der Höhe des Zeitgeists und provokativ. Doch war sie, wie der Hauptdarsteller Joachim H. Luger vor zwei Monaten im Interview mit dieser Zeitung sagte, in Wahrheit ein Traditionsanker und Abklingbecken. „Die Menschen wollen die heile Familie sehen“, sagte Luger, der seinen Abschied nahm, weil er im zarten Alter von 75 Jahren etwas Neues ausprobieren möchte.

          Die Folge, in welcher der von Luger verkörperte Hans Beimer den Serientod starb, mit seiner Exfrau Helga (Marie-Luise Marjan) auf der einen und seiner Frau Anna (Irene Fischer) auf der anderen Seite, schauten sich 2,84 Millionen Menschen an. So groß war die Gemeinde der „Lindenstraße“ seit Jahren nicht. Zwei Millionen Zuschauer waren ein guter Schnitt, doch Marktanteile bei den Jüngeren von acht, auch mal fünf oder nur rund vier Prozent waren nicht die Ausnahme. Zum alleinigen Maßstab einer Entscheidung über Wohl und Wehe eines Programms sollte man Quoten nicht machen, doch im Fall der „Lindenstraße“ zeigten sie den Verantwortlichen in der ARD seit Jahren schon an, wie sehr Anspruch und Wirklichkeit, wie sehr Aufwand und Ertrag auseinandergehen.

          Es gelingt nicht mehr, was der Erfinder und Produzent der „Lindenstraße“, Hans W. Geißendörfer, im Dezember 2015 zum dreißigjährigen Bestehen der Serie für diese in Anspruch nahm: dass sie von der Gegenwart erzählt und auf diese einwirkt. Das war einmal, aber es ist nicht mehr. Das war in den achtziger Jahren und frühen Neunzigern. Das war, als von gleichgeschlechtlicher Liebe im Fernsehen zu erzählen einen Tabubruch darstellte und Til Schweiger in der „Lindenstraße“ als Hauptdarsteller der zweiten Reihe seine Karriere begann. Das war die Zeit, in der die verstorbene Annemarie Wendl ihre unnachahmliche Else Kling gab und die ebenfalls verstorbene Ute Mora die Berta Griese. Es war die Zeit, in der Bill Mockridge seinen Erich Schiller, Christian Kahrmann den Benny Beimer gab; in der Ludwig Haas als Dr. Dressler, Andrea Spatzek als Gabriele und Rebecca Siemoneit-Barum als Iphigenie Zenker sowie Sybille Waury als Tanja Schildknecht frisch dabei waren. Und mittendrin selbstverständlich Marie-Luise Marjan und Joachim H. Luger als Mutter Helga und Vater Hans Beimer.

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