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Aus der Welt der Webcams : Und in Amsterdam fällt ein Glas um

  • -Aktualisiert am

Alle reden von Streetview. Dabei fotografiert Google nur Straßenzüge. Das Leben in seiner ganzen Pracht zeigen Webcams. Wie viele weltweit installiert sind, lässt sich kaum schätzen. Man weiß demzufolge auch nicht, wann man von einer gefilmt wird und wann nicht.

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          Am Strand von St. Peter-Ording ging es vergangene Woche nicht besonders gemütlich zu. Dauerregen und stürmische Böen, man konnte das live verfolgen. St. Peter-Ording hat, wie die meisten Urlaubsorte, eine Webcam. Die zeigte, wie sich die Urlauber inklusive ein paar Kitesurfern gegen den steifen West stemmten.

          Ende Januar war das Wetter dort sogar noch ein bisschen unwirtlicher. Auf der Nordsee trieb Eis. Ein 40jähriger Strandspaziergänger wollte den Sonnenuntergang fotografieren und verirrte sich zwischen den Schollen. Das sah eine Frau aus dem Westerwald, die fünfhundert Kilometer entfernt vor ihrem Computer saß. Sie alarmierte die Husumer Polizei, die den Verzweifelten gerade noch rechtzeitig vor dem Erfrieren rettete.

          Ist das nicht wunderbar?

          An einem Abend im März vor drei Jahren setzte sich der Elektroingenieur Kevin Whitrick in seiner kleinen Wohnung im westenglischen Wellington an den Schreibtisch, loggte sich bei „Paltalk“ ein, begrüßte die anwesenden fünfzig Besucher und kam ohne Umschweife zur Sache. Er werde sich nun umbringen. Whitrick schaltete seine Webcam an, stellte sich auf einen Stuhl und steckte seinen Kopf in eine Schlinge, die vom Deckenbalken hing. Auf dem Bildschirm konnte er Kommentare lesen: „Verdammt, mach endlich weiter.“ Kevin Whitrick sprang. Sein Körper baumelte vor der Kamera. Die meisten Chatter hielten das für einen Scherz. Einer rief den Notruf an. Die Polizei fand den Toten.

          Eine einfache Webcam ist heute schon für zwanzig Euro zu haben
          Eine einfache Webcam ist heute schon für zwanzig Euro zu haben : Bild: dpa

          Ist das nicht grauenhaft?

          Willkommen in der Welt der Webcams. Ein einfaches Exemplar ist heute schon für zwanzig Euro zu haben. Bildschirme von Apple werden gar nicht mehr ohne integrierte Kamera hergestellt. Um sie zu installieren, muss man kein Informatikstudium absolviert haben; das gelingt mühelos jedem Zwölfjährigen. Mit Hilfe von Skype oder ähnlichen Diensten kann man kostenlose Videotelefonate führen. Teure Businessreisen werden in den Zeiten der Krise durch Telekonferenzen ersetzt. Beim „Chatroulette“ kommt das Gesicht eines rein zufällig ausgewählten Gesprächspartners live ins Wohnzimmer. Mit anderen Worten: Wo immer auf der Welt jemand eine Webcam einschaltet, ist theoretisch jeder eingeladen, dabei zu sein.

          Das können durchaus ungebetene Gäste sein. Vor kurzem wurde ein Fall in Nordrhein-Westfalen bekannt, wo ein Hacker in die Computer von Schülerinnen eingedrungen war und so manipuliert hatte, dass er die Opfer jederzeit ausspähen konnte. Die wunderten sich irgendwann, dass die Kamera-Kontrollleuchte nicht mehr erlosch. Noch erheblich systematischer wurden Schüler in Lower Merion, einem Vorort von Philadelphia, ausgespäht. Und zwar von ihren eigenen Lehrern. Das Ganze flog erst auf, als ein 15-Jähriger vom Direktor bestellt und mit einem Foto konfrontiert wurde, das ihn daheim vor seinem Mac zeigte. Eine Handvoll Bonbons, die neben der Tastatur lagen, hatten den Verdacht geweckt, er handele mit Drogen. Das FBI ermittelte daraufhin wegen illegalen Lauschangriffs. Auf Festplatten wurden Zehntausende von Bildern gefunden, aufgenommen im Viertelstundentakt. Die verantwortlichen Lehrer wurden an eine andere Schule versetzt, aber juristisch nicht weiter verfolgt. Die Technik der Videoüberwachung gehöre zum modernen Alltag, hieß es im Untersuchungsbericht.

          „Das wäre ja wie Big Brother“

          Genau so ist es. Mit Webcams lassen sich nicht nur Kinderzimmer oder Hauseingänge ausspionieren, sondern auch Eisbären im Zoo. Entfernungen spielen keine Rolle: Die amerikanische Nasa zeigt Live-Bilder von einer Webcam an der Außenwand der Internationalen Raumstation. Allerdings nur, solange die Besatzung schläft. Während der Arbeit sollen die Datenverbindungen zur Erde frei bleiben. Die Kamera ist zur Erde und ins All gerichtet, Bilder aus der Station zeigt sie nicht. „Das wäre ja wie Big Brother“, sagt eine Sprecherin.

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