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Aus der Welt der Webcams : Und in Amsterdam fällt ein Glas um

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Die üblichen Webcam-Übertragungen aus Görlitz an der Neiße oder Alfeld an der Leine bieten deshalb meist einen Blick aus der Vogelperspektive, der mangels Auflösung keine Gesichter erkennen lässt. Doch die Technik schreitet fort. Im High-Definition-Format wird sich das ändern. Kommt eine Software hinzu, mit deren Hilfe man Gesichter erkennen und mit Namen, Adresse, Geburtsdatum und gegebenenfalls bei Facebook dokumentierten persönlichen Vorlieben verbinden kann, ist das „informationelle Selbstbestimmungsrecht“ des Bürgers wohl ein für allemal in der Tonne gelandet.

Im Vorfeld der geplanten Volkszählung von 1987 haben die Deutschen weit geringere Zumutungen energisch zurückgewiesen. Noch heute hätte Googles Streetview keine Chance, wäre es ein staatliches Projekt. Doch in den vergangenen zwanzig Jahren hat sich parallel zum Datenschutzgedanken eine zweite Mentalität herausgebildet, für die das Wort Exhibitionismus fast schon eine Untertreibung ist.

Neben der Verbreitung von Informationen dient das Internet vor allem der Selbstdarstellung. Die Webcam war von Anfang an ein willkommenes Mittel. Die erste ihrer Art stand im Flur vor dem sogenannten Trojan Room des alten Rechnerlabors der britischen University of Cambridge und zeigte im Graustufenbild den jeweiligen Füllstand der institutseigenen Kaffeemaschine. Anfangs hatten nur die Mitglieder im lokalen Netz Zugriff; so konnten sie sich manchen vergeblichen Gang sparen. 1991 wurde die Kamera ans Internet angeschlossen. Als die Kaffeemaschine acht Jahre später den Geist aufgab, hatten ihr bereits 2,3 Millionen Besucher bei der Arbeit zugesehen. Nach einer Reparatur durch den Hersteller wurde sie anschließend bei Ebay versteigert; seitdem versieht sie ihre Dienste bei Spiegel online an der Hamburger Brandstwiete.

Das Leben ist zwar phantastisch, aber vor allem phantastisch öde

Der erste Mensch, der sich freiwillig rund um die Uhr vor einem Millionenpublikum im Internet präsentierte, war Jennifer Ringley. Die damals zwanzigjährige Amerikanerin installierte im April 1996 eine Webkamera in ihrer Studentenwohnung. Sieben Jahre lang ließ sie sich bei allen Verrichtungen des Alltags beobachten. Die Adresse www.jennicam.org zog bald Dauerbesucher an, die sich mal in die Protagonistin verliebten, mal boshaft wurden und ihr schließlich Verrat vorwarfen, als sie Bezahlung verlangte. Manche sahen eine ganz neue Form von Authentizität am Werk, andere attackierten Jennifer Ringley als „miese, quotengeile Schlampe“. Dabei nahm sie nur vorweg, was später zahllose Container-Shows im Fernsehen boten.

Jennifer Ringley lebt heute als Webdesignerin mehr oder weniger anonym in Kalifornien. Die Zahl ihrer Nachahmer ist Legende. Blendet man notorischen Schmuddelkram aus, bleiben immer noch unfassbar viele Menschen, die ihren Vorgartenzwerg, ihr unaufgeräumtes Schlafzimmer oder sich selbst samt Freunden und Bekannten ohne jeden Zwang bloßstellen. Internetportale wie ww.com leben davon. „How you use the site is up to your imagination“, heißt es in den Geschäftsbedingungen, „as long as its legal, were fine with it“.

Wer sich mal ein paar Tage lang in diese Welt begibt, kann sich des Gedankens nicht erwehren, dass das Leben zwar phantastisch, aber vor allem phantastisch öde ist. Eine Melancholie des banalen Nichts durchzieht die traurige Gesellschaft von Big Brother. Nach einer Woche Dauerbeobachtung bleibt als aufregendster Moment der, in dem in einem Amsterdamer Waschsalon ein Glas vom Automaten fiel. Danach gebückt hat sich niemand. Die hier gezeigten Webcams und andere mehr finden Sie unter www.faz.net/webcams.

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