https://www.faz.net/-gqz-97e20

TV-Serien auf der Berlinale : Aus dem Dickicht

  • -Aktualisiert am

Führt ein strenges Regime: Natalie Dormer spielt in „Picnic at Hanging Rock“ die Schulleiterin Hester Appleyard. Bild: Fremantle

Es zieht sich in die Länge: Auf der Berlinale weiß man auch mit Fernsehserien etwas anzufangen, doch wo führt das hin?

          Gehören Fernsehserien auf ein Filmfestival? Und wenn ja, wohin? Die Filmfestspiele von Cannes wagten im vergangenen Jahr mit David Lynchs „Twin Peaks“-Fortsetzung und der zweiten Staffel von „Top of the Lake“ in Sondervorführungen einen zaghaften Vorstoß, andere waren früher dran. Die erste Staffel der Krimiserie lief 2013 auf dem Sundance Festival. In Cannes wird in diesem Jahr wieder getrennt. Ein eigenes Serienfestival soll sich als internationale Schaubühne etablieren, „Canneseries“ geht im April in die erste Runde.

          Die Berlinale ist Vorreiter. Dominik Grafs Serie „Im Angesicht des Verbrechens“ feierte hier 2010 ihre Premiere, seit 2015 gibt es die „Berlinale Special Series“, welche die Berlinale strenggenommen zum ersten A-Festival mit eigener Serienreihe macht. Preise werden hier nicht verliehen, und generell war die Sektion in den vergangenen drei Jahren eher Nebenschauplatz der „Drama Series Days“, einer Branchenveranstaltung mit Diskussionsrunden und Networking-Gelegenheiten.

          In diesem Jahr kamen drei große Namen

          Das soll sich jetzt ändern. Das „Special“ ist gestrichen, „Berlinale Series“ heißt die Reihe, sie hat ein neues Zuhause im Zoo Palast, dem ehemaligen Heimatkino der Berlinale. Hier gibt es viel Platz und die Kulisse für Bilder vom roten Teppich, die so wichtig sind für die Berlinale. Die Frage „Wer kommt?“ stilisiert Festival-Direktor Dieter Kosslick jedes Jahr zum Mysterium. In diesem Jahr kamen drei große Namen: Natalie Dormer, Jeff Daniels und Peter Sarsgaard.

          Natalie Dormer, bekannt aus „Game of Thrones“ und den „Hunger Games“-Filmen, bescherte der „Berlinale Series“ eine vielbeachtete Eröffnung. Sie kam als Hauptdarstellerin der australischen Serie „Picnic at Hanging Rock“, einer Bearbeitung des Romans „Picknick am Valentinstag“ (1967) von Joan Lindsay. Dormer spielt Hester Appleyard, die strenge Schulleiterin eines Mädcheninternats im südlichen Victoria. Im Jahr 1900, das Viktorianische Zeitalter neigt sich dem Ende zu, sollen Appleyards Schützlinge hier lernen, was eine höhergestellte Ehefrau so wissen muss: Umgangsformen, anmutiges Auftreten und dass es im Ehebett nicht immer angenehm zugeht. Wer Widerworte gibt, bekommt Schläge. Hat die Lehrerin einen schlechten Tag, fließt Blut. Am Valentinstag werden die jungen Frauen mit einem Ausflug zum Hanging Rock belohnt, einer sagenumwobenen Felsformation nördlich von Melbourne. In schneeweißen Gewändern bereiten die Schülerinnen am nahe gelegenen Fluss ein Picknick vor, drei von ihnen wird die Sache bald langweilig. Die widerspenstige Miranda (Lily Sullivan), die schöne Irma (Samara Weaving) und die als „Bastard“ verschriene Marion (Madeleine Madden) wollen zum Felsen. Im letzten Moment wird der Gruppe von einer Lehrerin noch die tolpatschige Edith (Ruby Rees) aufgebrummt. Ein paar Stunden später kommt Edith schreiend aus dem Dickicht zurück, die anderen Mädchen bleiben verschwunden.

          Ridley Scott macht die Arktis zum Schauplatz des Horrors

          Von dem mysteriösen Unglück und dessen Folgen erzählt die Serie in sechs Episoden. Auf der Berlinale sind die ersten beiden zu sehen, und die wissen mit ihrem Wechsel zwischen zackiger Montage, verträumter Märchenhaftigkeit und dem Auftritt von Natalie Dormer und Lily Sullivan zu überzeugen. Fürs Kino nahm Peter Weir die Geschichte schon 1975 auf. Die Serie wird dem Roman wohl einiges hinzufügen. „Joan Lindsay hat im Buch so viele Hinweise hinterlassen, lose Fäden, aus denen wir wunderbare neue Handlungsstränge binden konnten, Hintergrundgeschichten, neue Details zu den Figuren“, sagte die Produzentin Jo Porter in Berlin. „Anders als der Film beschäftigen wir uns mit der Frage, wer diese Frauen waren und warum sie gegangen sind“, sagte die Regisseurin Larysa Kondracki. Die deutschen Ausstrahlungsrechte für „Picnic at Hanging Rock“ hat sich die Telekom exklusiv für „Entertain TV“ gesichert.

          Wrenn Schmidt in The Looming Tower.

          Der zweite prestigeträchtige Beitrag der „Berlinale Series“ ist „The Looming Tower“ mit Peter Sarsgaard und Jeff Daniels. Die beiden spielen konkurrierende Mitarbeiter von FBI und CIA, als sich Ende der neunziger Jahre Hinweise auf einen Terroranschlag in den Vereinigten Staaten verdichten. Der Zehnteiler basiert auf dem Sachbuch „Der Tod wird euch finden“ (2006), in dem Lawrence Wright die Entstehung der Terrororganisation Al Qaida rekonstruiert. Er beschreibt auch, wie es zu dem Anschlag am 11. September kommen konnte, 2007 wurde er dafür mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Die Miniserie läuft im März bei Amazon Prime. Ein weiterer Titel des Festivalprogramms wird in Deutschland exklusiv auf der Streaming-Plattform des Versandhändlers zu sehen sein: „The Terror“, mitproduziert von Ridley Scott. Grundsetting ist eine reale Arktis-Expedition des britischen Polarforschers Sir John Franklin, bei der 1845 die gesamte Besatzung ums Leben kam. Auch hier gibt es eine Romanvorlage: 2007 konstruierte der amerikanische Autor Dan Simmons einen beklemmenden Horror-Plot um die gescheiterte Forschungsreise, genau der richtige Stoff für Ridley Scott.

          Auch einen deutschen Beitrag gibt es im Berlinale-Serienprogramm: „Bad Banks“ von Christian Schwochow. Paula Beer spielt hier eine junge Investmentbankerin, die sich durch die Frankfurter Finanzwelt schlägt und schon bald in einem moralischen Dilemma steckt. Der Sechsteiler läuft Anfang März im ZDF und bei Arte. Sieben internationale Serien hat die Berlinale insgesamt eingeladen. Wie sich die Sektion entwickelt, hängt wohl auch davon ab, wer 2020 auf Dieter Kosslick folgt. Fest steht: Hochwertige Serien werden immer wichtiger. Dem Trend, ihnen jenseits der Fernsehbildschirme eine öffentliche Bühne zu geben, kann sich auch Berlin nicht entziehen.

          Weitere Themen

          Miniaturen des Weltganzen

          Judith Schalansky : Miniaturen des Weltganzen

          Das Buch ist der ideale Aufbewahrungsort für alles, was verloren ist. Eine Dankesrede über Wunderkammern, Naturalienkabinette und was diese mit dem Schreiben zu tun haben.

          Topmeldungen

          Donald Trump : Ein heraufziehender Sturm

          Donald Trump gerät erstmals ins Visier einer amerikanischen Bundesanwaltschaft. Der Präsident bereitet sich auf den Wahlkampf 2020 vor und entlässt auch deshalb wieder einen sogenannten Erwachsenen in der Regierung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.