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Krimireihe „Das Quartett“ : Einzelkampf ist out

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Linus Roth (Anton Spieker), Pia Walther (Annika Blendl), Maike Riem (Anja Kling) und Christoph Hofherr (Shenja Lacher) sind „Das Quartett“ Bild: dpa

Gesellschaftsdrama im Krimigewand: Von „Das Quartett“ ist mehr zu erwarten als die übliche psychologische Symmetrie einer Krimiserie im ZDF.

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          Das neue Hauptkommissarsquartett des ZDF unter Leitung von Anja Kling arbeitet von nun an öfter als Emo-Musketiertruppe mit Revier-WG-Feeling, Emphasegarantie und Technikbegeisterung in einem überbelichteten Osten Deutschlands, für den die Fixierung auf DDR-Nostalgie und Stasi-Traumatisierung so frisch ist wie am ersten Tag des Mauerfalls. Neue Harmonie des Leipziger Miteinanders trifft auf alte Psychoverkrustungen und historische Verletzungen und transzendiert so das Verbrechen. Womit eigentlich schon alles gesagt wäre über die neue Krimireihe „Das Quartett“, doch nicht alles über den Auftakt „Der lange Schatten des Todes“.

          Für „Gesellschaftsdramen-im-Krimigewand“-Fans die ausführlichere Version – da Grimme-Preisträgerin Vivian Naefe Regie führt und mit Friedrich Ani und Ina Jung ausgewiesene Genreautoren verantwortlich zeichnen, darf man von dieser Reihe mehr erwarten als die üblichen in psychologischer Symmetrie über Kreuz angeordneten Figuren. Das Bemühen um Tonlage und Stimmigkeit der Gespräche, der Verzicht auf erklärende Rückblenden, die Beiläufigkeit, mit der Biographiensprengsel und Eigenwilligkeiten der Hauptfiguren ins Spiel gebracht werden, all das sieht jedenfalls danach aus, als habe man sich im Vorfeld einige Mühen zur Gemeinplatzvermeidung gemacht.

          Wertschätzung im deutschen Krimi

          Gefilmt wird mit einem dezent beweglichen Stativaufsatz, der den Szenen „Atem“ geben soll, ohne Handkamerawackelhektik zu erzeugen (Bildgestaltung Peter Döttling). In der Tat sieht man kein typisches öffentlich-rechtliches Erklärfernsehen der alten Sorte, geht es weg vom Uraltrezept der Spannungsdramaturgie, auch vom auserzählten Minenfeld Kommissariat, wo sich lauter einsame kaputte Kratzbürsten immer wieder reorganisieren müssen („Tatort“ Dortmund, „Polizeiruf“ Rostock usw.).

          Stattdessen legt man Wert auf den „akzeptierenden, respektierenden“ (Naefe) Umgang der Kollegen, wie er, siehe Verena Altenberger als neue BR-„Polizeiruf“-Polizistin, anscheinend zum neuen Chic, vielleicht bald Trend der Personalzeichnung gehört. Einzelkämpfertum ist out, Gemeinsamkeit ist in. Die alles überschauende, beruflich fürsorgliche, privat überforderte Chefin Maike Riem (Anja Kling), die das Team des K14 als Herzstück der Leipziger Polizeiarbeit betreibt, ist gleichwohl als Mutter Courage ein wenig zu langmütig angelegt.

          Der sensible Familienmensch und Verhörspezialist Christoph Hofherr (Shenja Lacher), den der Tod verfolgt, die explosive Wutpolizistin Pia Walther (Annika Blendl) und der autistische, mit absolutem Gedächtnis begabte Technik- und Digitalspezialist Linus Roth (Anton Spieker) vervollständigen das Ermittlerkleeblatt. Bei „3D-Tatortbegehung“ mit „Virtual Reality“-Ausrüstung, um die Ohren geschlagenen Nächten im Büro und „skills“-vereinenden Mehrfachverhören mit Kuchenzugabe sah Wertschätzung im deutschen Krimi selten ähnlich ansteckend aus. Warum auch nicht. Zwar gerät insbesondere die Figur des Autisten vom Dienst nicht besonders glaubhaft und die Rolle der stets Eskalationsbereiten eher mau, aber Zyniker, Streit und niederträchtigen Narzissmus gibt es wahrlich schon genug.

          Hyggeliges Kommissariat

          Hier ist das Kommissariat der Zufluchtsort vor dem Verbrechen. Total „hygge“. Ein „unkonventionelles Büro, eine eigene Welt“ mit Samowar statt Kaffeemaschine, Kuchen und wuscheligem Bürohund Theo, zukunftskompatibler Computerzentrale und papiergefüllten Retro-Regalen mit Gemütlichkeitscharme und senffarbenem Polster. Gut erzählt die Auftaktfolge die Atmosphäre über die Ausstattung der Räume, in denen sparsamer Lichteinsatz den Kontrast zur blendenden Helligkeit draußen liefert (Szenenbild Knut Loewe).

          Einen Fall gibt es noch obendrauf: Franko Bleich, als ehemaliger Bäckereibesitzer zu Geld gekommen und im Gegensatz zu seinen Nachbarn, dem windigen Anwalt Niklas Reger (Jan Henrik Stahlberg) und dem ordinären Rolf Torberg (Robert Gallinowski) mental in der vereinigten Republik angekommen, liegt erdrosselt am Ufer des Elsterbeckens. Seine Lebensgefährtin Esther Korff (Anneke Kim Sarnau ungewohnt theatralisch) und seine Noch-Ehefrau Paula Bleich (Kirsten Block) geben sich bedeckt. Der Tote wurde der Pädophilie verdächtigt, aber womöglich hat er sich auch aus Schuldgefühlen mit Kindern umgeben.

          Obwohl er freigesprochen wurde, am Tod eines vierjährigen Mädchens schuld zu sein, sandte ihm Jana Grimm (Nadja Bobyleva), die untröstliche Mutter, flehentliche Briefe. Ihre Wohnung ist ein Schrein, in dem der getrennt lebende Ehemann Bastian Koch (Golo Euler) keinen Platz mehr hat. Behutsam und eindrücklich zeigt Naefe Verzweiflung und Trauer der Mutter, wie überhaupt die eher schleppende Aufklärung des Mordes zu den Stärken des Films gehört. Man kann „Das Quartett“ zu den ansehnlicheren Krimi-Reihen-Neustarts zählen, von denen mancher so überflüssig ist wie der hunderttausendste Tote im Fernseh-Hauptprogramm.

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