https://www.faz.net/-gqz-13u3o

Aufstieg der Nerds : Die Revolution der Piraten

  • -Aktualisiert am

Großhirn der Gesellschaft

Und dazu brauchen wir Nerds. Sie sind eine politische Kraft, ziehen Nicht-Nerds an sich heran und werden bald auch die anderen Parteien verändern.

Die digitale Intelligenz, für die der Urkern der Piratenpartei nur ein Symbol ist, denkt nicht mehr psychologisch. Hier reden Experten der Informationsverarbeitung. Es sind Leute, die nichts so sehr interessiert wie die Frage, wie Informationen zustande kommen, weil dann erst über ihre Richtigkeit oder Unrichtigkeit geurteilt werden kann. Sie glauben zunächst nicht an höhere Einsichten, sondern an Algorithmen, das heißt an stufenweise aufgebaute Rezepte, die zu einem Ergebnis führen. Alles das, was hochkomplexe mathematische Theorien, sei es der Verhaltensökonomik, sei es der modernen Psychologie, in den letzten Jahren an neuen Erkenntnissen über das Zustandekommen von richtigen oder unrichtigen Entscheidungen herausgefunden haben, ist für sie längst Lebenswirklichkeit. Sie erleben es praktisch im Netz.

Jeder bekanntere Blogger kann die Effekte von Gruppenurteilen und Gruppenpolarisierungen auf seiner eigenen Seite in Echtzeit studieren, jeder weiß, dass das Ergebnis einer Debatte über Wertfragen manchmal nur von der mathematischen Einschätzung durch rivva.de oder Google abhängt, jeder erlebt, wie ein felsenfester Konsens binnen Sekunden durch Kommentatoren aufgebrochen werden kann und durch Feedback zu einem neuen Konsens wird – und wer das alles nicht selbst erlebt, kann es bei Wikipedia oder Google-News studieren. Das Netz beendet das Verhältnis von Macht und Gedanken nicht, es verteilt es nur neu. Wer in den letzten Tagen gesehen hat, dass eine sich als PR-Trick herausstellende Information über einen angeblichen Selbstmordanschlag in einer nicht existierenden amerikanischen Stadt über Twitter kommuniziert und am Ende von der dpa in alle Welt verbreitet wird, der weiß, dass „Urteile“, „Meinungen“ und psychologische Trends mathematischen Mustern folgen.

Anders aber, als die Cyber-Propheten glauben, ist das Netz auch strukturell keineswegs der Ort der Freiheit, als der es, auch aus Marketinggründen, annonciert wird. Man muss es anders formulieren: Das Netz stellt, gerade wegen seiner kontrollierten Strukturen, viele Freiheitsfragen auf ganz neue Weise. In seinem Maschinenraum arbeitet Software, die gleichsam über unendlich viele Aktenordner, Protokolle, Querverweise, Fußnoten, Eingaben das Verhalten steuert und prägt, ohne dass man es merkt. Die Vorstellung, dass das Netz an sich frei und kostenlos sei, ist eine der stärksten Illusionen der Gegenwart. Es ist einer der meistkontrollierten Organismen, die wir kennen. Moderne Informationstechnologien sind dezentral, aber ihrem Wesen nach bürokratisch.

Deshalb siedeln die „Piraten“ an einem Ort, den sie selbst erst vermessen, der aber, nach allem, was wir heute wissen, nicht das Herz, sondern das Großhirn moderner Gesellschaften betrifft. Die jungen Vertreter des alten Parteiensystems haben mit wachem Instinkt festgestellt, dass die „Piraten“ zwar einerseits kommerzfeindlich (Kopierschutz), in einigen ihren Strömungen partiell marxistisch (Vergesellschaftung der Inhalte), aber andererseits in ihrem Individualismus auch durchaus neoliberal sind. Eines der ersten Piratenschiffe im England der sechziger Jahre, das gekaperte Musik in den Äther sendete, hieß „The Laissez Faire“.

Weitere Themen

Topmeldungen

Amerikas Präsident Donald Trump

Coronavirus-Pandemie : Trump trägt jetzt Maske

Amerikas Präsident lehnte es lange ab, wegen der Corona-Pandemie eine Gesichtsmaske zu tragen. Nun zeigt er sich doch mit Mund-Nasen-Schutz in der Öffentlichkeit. Die Zahl der Neuinfektionen steigt unterdessen auf ein neues Rekordhoch.
Ein Forscher des Australian Institute of Marine Science vermisst am Clerke Reef Korallenschäden.

Wende in der Klimakrise? : Noch ist nichts verloren

Der Klimaforscher Mojib Latif glaubt an die Wende in der Klimakrise – gerade nach dem Corona-Schock. In seinem neuen Buch „Heißzeit“ erklärt er, was auf Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zukommt.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.