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Aufruhr gegen Markus Lanz : Die neue Quotenkeule

Schweigen ist Gold - das gilt aber nicht nur für Markus Lanz Bild: dapd

Das Interview mit Sahra Wagenknecht war ein Chaos. Auch deshalb soll Markus Lanz aus dem ZDF verbannt werden - mittels einer Online-Petition. Sie hat inzwischen mehr als 170.000 Unterstützer. Was passiert hier?

          Im Internet lernt man nie aus. Ständig gibt es in den neuen virtuellen Räumen Präzedenz- oder besser Erstfälle, für die es noch keine Konventionen gibt und die oft unbeabsichtigte zerstörerische Folgen in der realen Welt nach sich ziehen: die explodierende Facebookparty, der Shitstorm.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Neuerdings haben wir es immer häufiger mit der Erregungsform Online-Petition zu tun. Grundsätzlich ist die Petition ja eine respektable Angelegenheit. Der Bundestag verfügt über einen Ausschuss, der solche Eingaben von Bürgern auf Diskussionsbedarf im Parlament prüft. Früher war es harte Arbeit, eine Petition auf die Beine zu stellen und genügend Unterstützer zu finden. Heute ist das im Internet um einiges leichter. Neben Online-Petitionen, die auf politische Wirksamkeit abzielen und Substanz haben, erleichtert das Netz Initiativen, die recht fragwürdiges „Unrecht“ anprangern.

          Die Öffentlichkeit - ein leerer Raum

          Trotzdem war es einer Reihe von Medien in den vergangenen Tagen eine Meldung wert, auf eine Online-Petition hinzuweisen, welche die sofortige Absetzung von Markus Lanz wegen schlechter Moderationsleistung fordert. Der Anlass war vor allem die Sendung mit Sahra Wagenknecht am 16. Januar. In kurzer Zeit fanden sich über hunderttausend Unterzeichner. Doch hätte vor der Meldung zumindest geprüft werden sollen, in welcher Form man sich bei dieser Petition auszuweisen hatte. Denn da die Verifizierung mittels elektronischen Personalausweises nicht verpflichtend gefordert wurde, war der Aussagegehalt kaum auszumachen.

          Auf Nachfrage kam dann heraus, dass viele Unterstützer der Anti-Lanz-Petition ihre Anonymität der Öffentlichkeit vorgezogen hatten. Ein tendenziell widersprüchlicher Akt, denn zugleich hatten sie ja, mittels Unterschrift, Öffentlichkeit als jenen Raum definiert, in dem Markus Lanz nichts mehr zu suchen haben soll – das muss ein ziemlich leerer Raum sein, diese Öffentlichkeit. Wobei man Markus Lanz vieles nachsagen kann, aber den Mut, sich einem kritischen Publikum auszusetzen, den hat er – wobei der allein freilich nicht ausreicht, den Ansprüchen an ein unterhaltsames oder intelligentes Programm zu genügen. Es ist aber vergleichsweise feige und grob, dem angeschlagenen Moderator, der sichtlich seine Unbefangenheit verloren hat und der als „Wetten, dass..?“-Moderator im Sender deutlich angeschlagen ist, mit dieser neuen Art von Quotenkeule zuzusetzen.

          Wer braucht das?

          Unmut gegen schlechtes Fernsehprogramm muss sich äußern können, dafür gibt es ja auch genügend Ventile, und der Pseudojournalismus von Markus Lanz’ Talkshow ist oft genug analysiert worden. Aber warum sollten wir – von der Manipulierbarkeit des Verfahrens einmal abgesehen – neben der Einschaltquote eine zusätzliche Abstimmung darüber benötigen, ob wir eine Person weiter auf dem Bildschirm sehen wollen oder nicht?

          Es wäre wohl um einiges sinnvoller, in einer Petition die Angemessenheit des Rundfunkbeitrags und öffentlich-rechtlicher Programmschemata grundsätzlich in Frage zu stellen, als den Eindruck zu erwecken, die Entlassung von Markus Lanz stelle die heile öffentlich-rechtliche Fernsehwelt wieder her.

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