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Russische Zeitung „Wedomosti“ : Auf Linie gebracht

Schwindende Gegenstimmen: Auf den Titelseiten der drei russischen Zeitungen «Wedomosti» (von links), «Kommersant» und «RBK» protestierten im Juni 2019 Journalisten mit der Aufschrift «Ich bin/Wir sind Iwan Golunow» gegen die Festnahme des Enthüllungsreporters Golunow, dem Drogengeschäfte vorgeworfen wurden. Bild: dpa

Nicht nur das Führungspersonal wurde ausgetauscht: Wie die russische Zeitung „Wedomosti“, eine der letzten unabhängigen Stimmen des Landes, mit der Einflussnahme der Mächtigen zu kämpfen hat.

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          Wieder muss man um ein russisches Qualitätsmedium bangen, um das führende: die Zeitung „Wedomosti“. Gerade erscheint sie wegen coronavirusbedingter Einschränkungen nur online, sonst von Montag bis Freitag im A3-Format auf lachsfarbenem Papier. Ihre Bedeutung ist größer, als es die Auflage von 75000 Exemplaren vermuten ließe. „Wedomosti“ wurde 1999 gegründet und ist aufgrund ihrer Enthüllungen mehrfach mit Magnaten in Konflikt geraten. Auch mit Igor Setschin, dem gefürchteten Weggefährten von Präsident Wladimir Putin an der Spitze des staatlich kontrollierten Ölkonzerns Rosneft.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Die Zeitung bereitet Nachrichten nüchtern auf. Ein Stamm aus Fachleuten ordnet das Geschehen ein, ohne das Auftrumpfen der Kreml-Claqueure oder die Bitterkeit der Oppositionskreise. „Wedomosti“ trennt Nachricht und Kommentar, doch ihre Meinungsdoppelseite ist ein Hort liberaler Stimmen, die ansonsten im russischen Journalismus und überhaupt in Russland kaum noch zu Wort kommen.

          Das wurde zum Problem, als der Kreml den Druck auf „prowestliche Verräter“ erhöhte: Ein Pressegesetz verbietet Ausländern seit 2016, mehr als zwanzig Prozent eines russischen Medientitels zu besitzen. Das galt als Attacke auf die Zeitschrift „Forbes“, die damals vom russischen Ableger des Springer-Konzerns herausgegeben wurde, und „Wedomosti“, die einem finnisch-amerikanisch-englischen Konsortium um „Financial Times“ und „Wall Street Journal“ gehörte. Die Zeitung musste verkauft werden und gelangte in die Hände des Medienunternehmers Demjan Kudrjawzew. Diesem erkannten die Behörden 2017 die russische Staatsangehörigkeit ab, da er falsche Angaben über eine israelische Staatsangehörigkeit gemacht habe. Lange rätselte man, was das für „Wedomosti“ bedeute.

          „Die Regeln und Ideale von ,Wedomosti‘“ sind dem Neuen fremd

          Im vergangenen Februar wurde berichtet, dass die Familie eines Partners von Kudrjawzew schon mindestens seit Sommer 2018 Eigentümerin der Zeitung sei. Mitte März wurde der Verkauf der Aktiengesellschaft, die „Wedomosti“ herausgibt, an Konstantin Sjatkow und Aleksej Golubowitsch bekannt. Beiden Männern wird eine Nähe zur Macht nachgesagt. Der Vater Sjatkows war 2012 eine sogenannte Vertrauensperson Putins vor der damaligen Präsidentenwahl, Golubowitsch hatte einst in einem der politischen Prozesse gegen Putins Widersacher Michail Chodorkowskij ausgesagt. Die frühere Chefredakteurin von „Wedomosti“ Tatjana Lyssowa, die das Blatt bis 2017 führte, warnte, den Käufern seien „die Regeln und Ideale von ,Wedomosti‘ fremd“.

          Nun gibt es einen neuen Chefredakteur: Den 64 Jahre alten Andrej Schmarow, der einst für die Zeitung „Kommersant“ und eine kremlnahe Zeitschrift arbeitete. Er legte sich sofort mit der Redaktion an: Er kenne die „Dogma“ genannten, stilprägenden Redaktionsstatuten nicht, sagte Schmarow, und lese auch die Zeitung selbst nicht mehr, seit ihm einige Artikel nicht gefallen hätten. Was sein neuer Chef vom Dienst tun werde, stellte er nicht klar. Stattdessen kritisierte er liberale Fachleute, die regelmäßig Artikel für das Meinungsressort verfassen, und schloss nicht aus, dass sich die neuen Aktionäre in die Redaktionspolitik einmischen würden. Auch wies er Medienberichte nicht zurück, laut denen der Scharfmacher und journalismusfeindliche Pressesprecher von Rosneft, Michail Leontjew, an seiner Ernennung beteiligt sei.

          Gleich zu Beginn ließ Schmarow im Widerspruch zur Redaktionspraxis die Überschrift zu einem Artikel ausgerechnet über Rosneft ändern. Daraufhin forderten führende Journalisten von „Wedomosti“ in einem Brief an die neuen Eigentümer, Schmarow gegen eine mit dem Haus vertraute Journalistin auszutauschen. Schmarow und dessen Chef vom Dienst sei die Kultur der Zeitung fremd. Sie destabilisierten das Team, verschreckten Anzeigenkunden, trieben Mitarbeiter zur Kündigung, und Abonnenten wollten ihr Geld zurück. Ein Kommentar in „Wedomosti“ versprach, die Ereignisse würden nicht dazu führen, dass sich die Werte der Zeitung änderten, die in mehr als zwanzig Jahren zu denen des „unabhängigen und objektiven Journalismus“ in Russland geworden seien. Man mache sich keine Illusionen über die Lage, in der die neuen Eigentümer das Gesetz, das Geld und das in Russland entstandene, „ungeschriebene Recht“ der Einflussnahme auf ihrer Seite hätten. Man werde aber auf der bisherigen Redaktionspolitik bestehen. Schmarow nährt indes weiter die Sorgen, er handele in Setschins Interesse: In der Nacht auf Montag ließ er eine Kolumne von der „Wedomosti“-Website nehmen. Darin kritisiert ein Wissenschaftler Setschins geopolitische Volten im jüngsten Ölpreiskampf und in der Unterstützung für das venezolanische Regime, die den Staat teuer zu stehen kommen. Es sind auch Putins Volten.

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