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Livestream auf Facebook : Tod vor Publikum

Echtzeit-Videos bringen Menschen einander näher, sagt Mark Zuckerberg. In Dallas informierten sich am Donnerstag Passanten mit Smartphones über die Schießereien. Sie wurden auf Facebook live übertragen. Bild: AFP

Millionen sehen auf Facebook, wie in Minnesota und Dallas tödliche Schüsse fallen. Der Konzern hat aus der Live-Übertragung der Polizistenmorde von Paris nichts gelernt.

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          Was es bedeutet, wenn 1,6 Milliarden Facebook-Nutzer eigene Live-Videos senden können, hat Mark Zuckerberg schon Mitte April auf den Punkt gebracht. Von nun an trage jeder „eine Fernsehkamera in der Tasche“, schrieb der Chef des Netzwerkkonzerns auf seinem Account, als er die Funktion freischaltete. Sie werde unsere Kommunikation grundlegend verändern - zum Besseren. „Wer in Echtzeit interagiert, ist persönlicher verbunden“, so Zuckerberg. Das eröffne Menschen „neue Möglichkeiten zusammenzukommen“. Ehrlicher wäre gewesen, er hätte gesagt: Wir schaffen technische Möglichkeiten, was die Leute damit anstellen, ist uns egal. Hauptsache, sie tun es auf Facebook.

          Ursula Scheer
          Redakteurin im Feuilleton.

          Wie die neue Möglichkeit größtmöglicher visueller Nähe ausfällt, haben wir inzwischen gesehen: Mitte Juni ermordete ein islamistischer Terrorist in Frankreich ein Polizistenehepaar, filmte seine Taten und ging via Facebook live auf Sendung. Das Netzwerk will laut eigener Satzung keine Plattform für Terror und Gewalt bieten. Aber das entlarvte sich spätestens zu diesem Zeitpunkt als Lippenbekenntnis: Kontrollmechanismen, die rasch griffen, wenn jemand ein Massaker überträgt, gab und gibt es nicht.

          Als in der vergangenen Woche in Minnesota ein Afroamerikaner von einem weißen Polizisten erschossen wurde, schaltete seine Verlobte auf Facebook einen Livestream. Millionen haben mittlerweile gesehen, wie ihr Freund verblutete. Einen Tag darauf gingen Echtzeitvideos von den Polizistenmorden in Dallas online.

          Die publizistische Verantwortung will Facebook nicht tragen

          Eine Ermächtigung potentieller und tatsächlicher Opfer von Gewalt und Willkür sei es, wenn jedermann, unabhängig von Sendeanstalten, als Live-Reporter vor die Weltöffentlichkeit treten könne, sagen die Verteidiger des Konzepts. Doch so einfach ist das nicht. Wer einen nicht kuratierten Kanal öffnet, muss damit rechnen, dass dort öffentlich gequält, gemordet und gestorben wird. Die Videos verschwinden irgendwann, aber erst startet sie die Standardeinstellung automatisch, wenn sie im Newsfeed auftauchen.

          Bei Facebook, das sich als Nachrichtenanbieter profiliert, aber keine publizistische oder journalistische Verantwortung tragen will, heißt es, man sehe das Problem, könne es aber nicht so einfach lösen. Das klingt wenig überzeugend, weil es vorauszusehen war. Die Streaming-App Periscope, die auf Twitter läuft und der Facebook das Wasser abgraben will, hat schon einen Selbstmord und eine Vergewaltigung live gezeigt. Mark Zuckerberg träumt derweil von live übertragener virtueller Realität. Wichtiger wäre, erst zu klären, welche publizistische Verantwortung die Netzwerke für die über sie veröffentlichten Inhalte tragen.

          Die „Tagesschau“ zeigte übrigens auch einen Teil des Online Videos, das den Verblutenden zeigte. Allerdings verpixelt und nur einen sekundenkurzen Ausschnitt. Vielleicht war auch der schon zu lang. Aber wer berichten will, ohne Voyeurismus zu bedienen und die Würde von Menschen zu verletzen, begibt sich immer auf einen schmalen Grat. Facebook dagegen hält einfach drauf.

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