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Moritz Bleibtreu in „Schuld“ : Auf diese Rolle hat er gewartet

Die Blümchentapete täuscht: Moritz Bleibtreu sitzt nur scheinbar entspannt an einem Ort des Verbrechens. Bild: ZDF/ MOOVIE / Gordon Muehle

Er wollte immer nur fürs Kino arbeiten. Nie fürs Fernsehen. Für die Verfilmung von „Schuld“ nach Ferdinand von Schirach schmeißt Moritz Bleibtreu seine Entscheidung um. Warum? Ein Besuch am Set.

          Da biegt er um die Ecke, seitengescheitelt, im schmalen Sakko und mit Budapestern an den Füßen, und schreitet den Gang hinab, der mit seiner Gewölbedecke gut in einer Kloster passen würde. Tatsächlich gehört er zum Schloss Cecilienhof in Potsdam, wo einst Churchill, Stalin und Truman tagten; im Fernsehen wird er durch das Internat führen, in das Moritz Bleibtreu als Strafverteidiger Friedrich Kronberg Tod und Folter bringt. Es wird nicht Kronbergs erster Fall sein in „Schuld“, der neuen Serie nach Ferdinand von Schirach, die den Faden von „Verbrechen“ aus dem Vorjahr wiederaufnehmen soll. Doch es ist Bleibtreus erster Drehtag in seiner ersten Fernsehrolle seit siebzehn Jahren.

          Dafür, die Nachfolge von Josef Bierbichler als Jurist anzutreten, der die Zuschauer in Abgründe des Kapitalverbrechens nach realen Fällen führt, hat Bleibtreu umgestoßen, was er immer eine „Grundsatzentscheidung“ genannt hatte: fürs Kino zu arbeiten, nicht fürs Fernsehen. Ausschließlich. Punkt. Jetzt spielt er für das ZDF einen Charakter, dessen Umrisse schon in der kleinen Szene sichtbar werden, die Bleibtreu mit seinem Kollegen Jörg Hartmann in diesem Gang dreht. Hartmann verkörpert den sichtlich mitgenommenen Internatsleiter, im Gehen erzählt er von grausamen Vorfällen im Haus, Bleibtreu nickt und schaut, fragt ein Wort, schaut wieder, der Kamerawagen ruckelt auf Schienen rückwärts vorneweg, schon ruft Regisseur Hannu Salonen hinter seinem Kontrollmonitor: „Danke!“, und das war’s.

          Dieser Friedrich Kronberg ist kein Macher. Keiner, der rennt. Kein Kleinganove, kein Terrorist, kein Fall für den Sexualtherapeuten. Kein kapitaler Nazi. Kein Italiener, Türke oder Grieche - alles Rollen, mit denen der 42 Jahre alte Bleibtreu, durch dessen Haar sich erste graue Fäden ziehen, zu einem der bekanntesten Kinodarsteller seiner Generation wurde. Zu einem der Gesichter des deutschen Kinos überhaupt. Für eine sechsteilige Serie im Zweiten gibt er nun eine eher passive Figur. Warum?

          Geschichten, die an der Grenze des Erträglichen operieren: Ferdinand von Schirach, Autor der Romanvorlage „Schuld“

          Die Antwort gibt Bleibtreu in dem Wohnwagen, der für diesen Dreh seine Garderobe ist. Draußen schlägt das Aprilwetter märkische Kapriolen, der Wind faucht, die Sonne knallt, dann prasselt Regen, drinnen klemmt Bleibtreu hinter einem Klapptisch, auf dem Zeitungen herumfliegen, raucht und ascht in einen Plastikbecker, schaut abwechselnd in die Ferne und knipst das Bleibtreu-Strahlen an, wenn seine Augen die des Gesprächspartners treffen. Dann schnippt er die Kippe aus dem Fenster und lehnt sich zurück.

          Also, diese Grundsatzentscheidung. Die habe er vor langer Zeit getroffen, als für das deutsche Kino gerade in einer extrem spannenden Phase begonnen habe: die Suche nach einem funktionierenden Genrekino. „Das war nie eine Entscheidung gegen das Fernsehen, sondern immer eine für das Kino“, sagt Bleibtreu. Er habe das Kino stets geliebt, das werde auch so bleiben, selbst wenn sich mit Vorabendserien leichter Geld verdienen lasse als mit Independent-Filmen. Aber um Geld gehe es ihm sowieso nicht bei „Schuld“. Sondern darum, dass ihn das Thema interessiere, die Rolle, die er spielen könne, die Machart der Serie - und dass sich etwas bewege im deutschen Fernsehen.

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