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Straßenband „Meute“ : Die Rattenfänger von Hamburg

Aus digitaler„Deep House“-Musik wird bei Meute eine analoge Symphonie in Blech. Bild: Jennifer Schmid

Auf die Bühne geholte Straßenmusik: Auf ihrer Tour geht es allein um die Musik – und damit begeistert die Straßenband Meute nicht nur Technofans.

          4 Min.

          Auf der Bühne ein Bild. Elf Musiker in roten Uniformen voller selbstgewählter Orden, drapiert zu einer pompösen Momentaufnahme: Zwei Trompeter in der ersten Reihe, die Arme zur Fanfare erhoben, noch unbewegt und tonlos. Dahinter, zusammengesteckt wie ein Blumenstrauß, Drummer und Marimbaspieler, Posaune und Sax. Im Zentrum auf einer Tribüne das einhorngekrönte, metallene Lyra-Glockenspiel. Gleich einer riesigen Seifenblase schwebt die Tuba über der Szene.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          So sieht auf die Bühne geholte Straßenmusik aus. Und wie klingt sie? Symphonisch. Hymnisch. Orchestral. Mit einem „Clip“ aus Johann Sebastian Bachs Matthäus-Passion habe die Band den Abend begonnen, hieß es in einem Konzertbericht. Monoton, denn es handelt sich ja, das sollte gleich klargestellt werden, um Techno. Analoger Techno, entstanden aus Tanzmusik, die sonst ein einzelner DJ auflegt, nachts im Club. Meute, diese elf Musiker aus Hamburg, laufen mit ihm durch die Straßen von Großstädten, jedenfalls berichten sie so und nennen sich Marching Band, und im Netz beweisen ungezählte Videos, wie auf der Piazza Trilussa in Rom, in der Metro von Rennes und im Görlitzer Park Geographiestudenten, Frauen mit Einkaufstüten, Kinder unter Pudelmützen und rhythmisch aufgeschlossene Geschäftsleute zu ihrer Musik tanzen.

          Die Kamera schwebt dazu im Blickwinkel eines Beobachters, der die Band umkreist und dem vor einem Bildschirm sitzenden fernen Zuschauer das Gefühl gibt, mittendrin zu stehen. Denn obwohl auch diese Szene komponiert ist, bleiben die Reaktionen der Umstehenden echt, es kommen Leute, andere gehen, die meisten bleiben. Das ist das Rattenfängerprinzip des Spielmannszugs.

          Nur wenig wird dem Zufall überlassen

          In einer Zeit, in der es für Künstler mehr denn je auf die richtige Kombination aus Show, Virtuosität, Echtheit und Nahbarkeit ankommt, ist Meute sehr erfolgreich mit diesem Prinzip. Die Band tourt schon das dritte Jahr in Folge durch Europa, spielt in Clubs, in Kindertheatern, auf Stadtfesten, in Kirchen wie neulich in Frankfurt, das dazugehörige Album heißt „Tumult“. Ihre Songs kommen von Âme, Trentemøller, Flume, Stephan Bodzin und Marc Romboy, Produzenten der Elektro- und Technoszene aus Dänemark, Kanada, Australien, Deutschland, sie heißen „Rej“ und „Kerberos“. Manchmal stehen sie bei Youtube jetzt weiter oben als die Originale, und wer sie schon einmal gehört hat, erkennt sie bei Meute sofort wieder. Aus der wogenden Klangdecke des Deep House sind sehr oft wiederholte, federnde Tonfolgen geworden, bei denen Instrumentengruppen ein- und aussteigen und man sich immer dann fragt, ob es nicht langsam an Abwechslung fehlt, wenn die Pauke den nächsten rhythmischen Ohrwurm verkündet.

          Auf ihren Konzerten stehen dann aber viele, die mit Techno und durchgefeierten Nächten gar nichts anfangen können, die vom Big-Band-Sound sprechen und davon, dass Jazzimprovisation Musik schon immer in andere Kontexte gebracht hat. Wenn sie neben Ravern tanzen, geschieht das zum größten Vergnügen der Band.

          Elf professionelle Musiker, die auch in anderen Konstellationen auftreten, seien schwer zu koordinieren, sagt Thomas Burhorn, Mitbegründer, Kulturmanager und Trompeter. Sie arbeiten jetzt mit Zweitbesetzungen. Dem Zufall überlassen ist bei Meute für eine Straßenband erstaunlich wenig, auch wenn die Musiker darauf bestehen, dass es allein ums Vergnügen und die Spontanität gehe und dass hier kein Jazzer vom Techno bekehrt werden solle. Burhorn, der lange in einer Marching Band und dann mit Fettes Brot und Kettcar spielte, der 2016 nach einem gemeinsamen Nenner für möglichst viele Musikhörer suchte und die elektronische Musik, auf die sich nachts die meisten einigen können, dazu auserkor, die Marching-Band-Idee in die Gegenwart zu transportieren, sagt: „Ja, diese ungeplanten Straßenkonzerte sind anstrengend.“

          Man macht ein paar Roboter arbeitslos

          Das wissen auch andere. Lange vor Meute dirigierte die vom Chiemsee stammende Bläsertruppe LaBrassBanda hüpfende Mobs auf Festivals, die Münchner Brassband Moop Mama marschierte unangekündigt durch den Englischen Garten, Hunderte schlossen sich an. In New York spielen die Lucky Chops an U-Bahnhöfen aufrührerischen Jazz und Brassbands wie Random Control aus Vorarlberg stilisieren Bläsertradition in der deutschsprachigen Jazzszene zum Kult.

          Was Meute für sich beanspruchen kann, ist die Art, Musik zu konstruieren: Elf Musiker können nur eine begrenzte Anzahl von Tonspuren abdecken. Burhorn schreibt sie für das Ensemble um. Während Elektro-Musiker Big-Band-Stücke auf Bläserparts abhören und diese mit dem Synthesizer nachbauen, während DJs den Klang eines Glockenspiels imitieren, kopiert Meute die Computer, inklusive „Humanize“-Funktion, die elektronische Musik menschlicher, unperfekter klingen lassen soll und Songs zum Leben bringt. Und natürlich passt es gut in die Zeit, von sich sagen zu können, man mache ein paar Roboter arbeitslos, nicht umgekehrt.

          Vor einem Monat nahm Meute in Lissabon „Gula“ auf, den wuchtig überarbeiteten Song des kanadischen Elektro-DJs Deadmau5. Er gibt der Marching Band wie zuvor schon „You and Me“ etwas Neues, klingt nach Konzeptmusik, gewichtiger, und funktioniert auch deshalb auf der Bühne besser als Songs wie „Rej“.

          Aber es gehört zur Vereinbarung des Spielmannszugs mit seinem Gefolge, dass jedes Konzert in der Menge endet, dass die Band in der Mitte steht und sich versenkt. Die Meute spielt also, hampelt ein wenig herum und bringt sich wieder in Form, manchmal knien sich die hin, deren Instrumente es zulassen, dann knien die Zuhörer mit ihnen, um, wenn der Beat es vorsieht, in die Höhe zu schnellen und ein paar Takte lang zu springen. Draußen würde sich jetzt ein zufällig vorbeikommender Flötist oder Trommler einmischen und versuchen, bei ihrem Tempo mitzuhalten.

          Ansonsten geht es allein um die Musik, sie ist der Star, wie im Techno, wo wenig mehr passiert als ein Wippen des Kopfes oder ein Handgriff zum Pult. Hier hingegen passiert ja viel, man kann dabei zusehen, den Grimassen des Paukenspielers vor dem dumpfen Ton und den wie Libellenflügel auf und ab wirbelnden Sticks des Drummers. Und dann empfiehlt es sich zu tanzen.

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