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Straßenband „Meute“ : Die Rattenfänger von Hamburg

Aus digitaler„Deep House“-Musik wird bei Meute eine analoge Symphonie in Blech. Bild: Jennifer Schmid

Auf die Bühne geholte Straßenmusik: Auf ihrer Tour geht es allein um die Musik – und damit begeistert die Straßenband Meute nicht nur Technofans.

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          Auf der Bühne ein Bild. Elf Musiker in roten Uniformen voller selbstgewählter Orden, drapiert zu einer pompösen Momentaufnahme: Zwei Trompeter in der ersten Reihe, die Arme zur Fanfare erhoben, noch unbewegt und tonlos. Dahinter, zusammengesteckt wie ein Blumenstrauß, Drummer und Marimbaspieler, Posaune und Sax. Im Zentrum auf einer Tribüne das einhorngekrönte, metallene Lyra-Glockenspiel. Gleich einer riesigen Seifenblase schwebt die Tuba über der Szene.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          So sieht auf die Bühne geholte Straßenmusik aus. Und wie klingt sie? Symphonisch. Hymnisch. Orchestral. Mit einem „Clip“ aus Johann Sebastian Bachs Matthäus-Passion habe die Band den Abend begonnen, hieß es in einem Konzertbericht. Monoton, denn es handelt sich ja, das sollte gleich klargestellt werden, um Techno. Analoger Techno, entstanden aus Tanzmusik, die sonst ein einzelner DJ auflegt, nachts im Club. Meute, diese elf Musiker aus Hamburg, laufen mit ihm durch die Straßen von Großstädten, jedenfalls berichten sie so und nennen sich Marching Band, und im Netz beweisen ungezählte Videos, wie auf der Piazza Trilussa in Rom, in der Metro von Rennes und im Görlitzer Park Geographiestudenten, Frauen mit Einkaufstüten, Kinder unter Pudelmützen und rhythmisch aufgeschlossene Geschäftsleute zu ihrer Musik tanzen.

          Die Kamera schwebt dazu im Blickwinkel eines Beobachters, der die Band umkreist und dem vor einem Bildschirm sitzenden fernen Zuschauer das Gefühl gibt, mittendrin zu stehen. Denn obwohl auch diese Szene komponiert ist, bleiben die Reaktionen der Umstehenden echt, es kommen Leute, andere gehen, die meisten bleiben. Das ist das Rattenfängerprinzip des Spielmannszugs.

          Nur wenig wird dem Zufall überlassen

          In einer Zeit, in der es für Künstler mehr denn je auf die richtige Kombination aus Show, Virtuosität, Echtheit und Nahbarkeit ankommt, ist Meute sehr erfolgreich mit diesem Prinzip. Die Band tourt schon das dritte Jahr in Folge durch Europa, spielt in Clubs, in Kindertheatern, auf Stadtfesten, in Kirchen wie neulich in Frankfurt, das dazugehörige Album heißt „Tumult“. Ihre Songs kommen von Âme, Trentemøller, Flume, Stephan Bodzin und Marc Romboy, Produzenten der Elektro- und Technoszene aus Dänemark, Kanada, Australien, Deutschland, sie heißen „Rej“ und „Kerberos“. Manchmal stehen sie bei Youtube jetzt weiter oben als die Originale, und wer sie schon einmal gehört hat, erkennt sie bei Meute sofort wieder. Aus der wogenden Klangdecke des Deep House sind sehr oft wiederholte, federnde Tonfolgen geworden, bei denen Instrumentengruppen ein- und aussteigen und man sich immer dann fragt, ob es nicht langsam an Abwechslung fehlt, wenn die Pauke den nächsten rhythmischen Ohrwurm verkündet.

          Auf ihren Konzerten stehen dann aber viele, die mit Techno und durchgefeierten Nächten gar nichts anfangen können, die vom Big-Band-Sound sprechen und davon, dass Jazzimprovisation Musik schon immer in andere Kontexte gebracht hat. Wenn sie neben Ravern tanzen, geschieht das zum größten Vergnügen der Band.

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