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Die Serie „Caught“ auf AXN : Auf der Jagd nach der verlorenen Zeit

Undurchsichtig: Ada (Tori Anderson) verfolgt ihr ganz eigenes Ziel. Bild: AXN

Ein bisschen Koks, ein bisschen Gras, ansonsten gescheitelte Haare und knappe Bekleidung: „Caught“ will eine harte Siebziger-Jahre-Serie sein, sieht aber ziemlich nach Neunzigern aus

          Im Foyer der Anti-Drogen-Behörde steht eine Gummipuppe. Um den Hals ein Schild mit Geburtstagsglückwünschen. Im Büro nebenan erklärt ein kanadischer Mountie auf Abwegen einer schwarzen amerikanischen DEA-Agentin mit riesigen Creol-Ohrringen, die von ihrem Chef zuvor als „Schwein“ bezeichnet wurde und daraufhin mit den Worten „Oink, oink“ den Po getätschelt bekam, dass er eine heiße Spur hat. Wir schreiben das Jahr 1978: Keine Chance, das zu übersehen. Nur glauben will man das nicht so recht. Aber die Serie meint es wohl ernst. Allein die Musik hilft wie immer über vieles hinweg – akustische Tranquilizer.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Dabei hatte die Thriller-Serie „Caught“, basierend auf dem gleichnamigen Roman von Lisa Moore, ursprünglich für die Canadian Broadcasting Corporation (CBC) produziert und hierzulande von Sonys Abosender AXN gekauft, bei ihrer Ankündigung im Jahr 2016 zumindest einen guten Gag parat: Der kanadische Schauspieler Paul Gross, der in den Neunzigern in der auch bei uns beliebten Serie „Ein Mountie in Chicago“ („Due South“, 1994) den titelgebenden Mann von der Royal Canadian Mounted Police gab, spielt nun wieder einen. Nur tritt dieser nicht wie das Pendant von einst in fescher roter Uniform samt seinem Partner, dem weißem Wolf Diefenbaker auf. Den weißen Wolf, den gibt er nun selbst: Roy Patterson soll vom Alkohol, vom Alter und vom Schicksal gezeichnet sein, seine Mountie-Karriere steht vor dem Aus. Was diese Rollenvorgaben optisch unterstützt, sind ein kurzer weißer, gar nicht mal schlecht rasierter Bart und ein mies sitzender Anzug. Ansonsten sieht Patterson mit seinem weiß gescheitelten Haupt so frisch aus wie Christoph M. Ohrt in den „HeliCops“.

          Was macht die Serie nun so schwierig?

          So ganz ohne großen Knall will der gescheiterte Offizier aber nicht abtreten. Er will einen der ganz Großen zur Strecke bringen: den Drogendealer und glattrasierten Lebemann Brian Hearn (Eric Johnson, „Fifty Shades Darker“). Um an ihn heranzukommen, tut sich Patterson mit dessen ehemaligem Kumpan und Gefängnisinsassen David Slaney (Allan Hawco) zusammen und hilft ihm, aus dem Gefängnis in New Brunswick auszubrechen. Als der Deal vorübergehend platzt und Slaney flieht, soll die DEA-Agentin KC Williams (einziger Lichtblick: Enuka Okuma) helfen, die Sache gerade zu biegen.

          Auf der Suche nach einem anderen Gesichtsausdruck: David Slaney (Allan Hawco) telefoniert mit seinem einstigen Freund.

          Was macht die Serie nun so schwierig? Am Soundtrack kann es nicht liegen: Mit dem Song „Up Around the Bend“ von Creedence Clearwater Revival müsste ja eigentlich jeder Start gelingen. Wir sehen Slaney auf der Flucht durch den nächtlichen Wald. Doch der Cutter muss auch auf der Flucht gewesen sein: Der Schnitt der ersten beiden Episoden würde selbst bei einem Musikvideo-Schnittmeister Schwindel auslösen, nur dass der Rhythmus des Songs dabei nicht die geringste Rolle zu spielen scheint. An anderer Stelle münden Schnitt – Slaney weiter auf der Flucht – und Gegenschnitt – Patterson im Büro – in den geteilten Bildschirm. Dass die Handlungsstränge kaum miteinander in Beziehung stehen, scheint völlig Wurst. Aber derselbe Trick, der auch für den Ausbruch aus dem Gefängnis gilt, gilt vielleicht auch für diese Serie: „Du musst es durch die ersten vierundzwanzig Stunden schaffen.“

          Wer es auf einen Drogen-Thriller in den Siebzigern anlegt, der kann es so ausgefuchst machen wie die Verfilmung des Thomas-Pynchon-Romans „Inherent Vice“ von Paul Anderson (2014) mit Joaquin Phoenix in der Hauptrolle. Die war subtil durchgeknallt. Doch es wird nicht besser: „Caught“ ist alles andere als subtil. Es reicht nicht, das eine schwarze Polizistin in den Siebzigern einen ungewöhnlichen Sidekick abgibt. Sie muss Patterson in unfreiwillig komischen Dialogen auch genau darauf hinweisen: „Sie haben wohl nicht erwartet, dass ich so weiblich und so schwarz bin, was?!“

          Von den filmischen Mitteln, derer sich „Caught“ bedient, um die Geschichte zu vermitteln, ist keines so ausgeführt, dass es hilfreich wäre. Als bedeute es alles nichts; weder die Improtheater-Dialoge, noch die Kameraführung, das Spiel der Darsteller oder der Schnitt. Wenn die – vermutlich aus rein dramaturgischen Gründen stets im roten Bikini herumlaufende – mysteriöse Blondine (Tori Anderson) aus der Entourage des Drogenbosses ein Portemonnaie findet, wird das in einem Hagel verschiedenster Einstellungen aufgelöst, hat aber für den Plot kaum Bedeutung. Dazu ist jedes zweite Bild mit Unschärfen, Gegenlicht oder Lichtreflexen zugekleistert.

          „Caught“ vermittelt zumindest in den ersten vier Episoden den Eindruck, es handele sich um einen Erotikfilm aus den Neunzigern, der in den Siebzigern spielt und die für das Genre wesentlichen Szenen schlicht weglässt, dafür aber mit Einsprengseln aus der Bacardi-Werbung arbeitet. Danke, wir sind im Dienst.

          Caught, dienstags um 20.15 Uhr auf AXN.

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