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Luis-Trenker-Film im Ersten : Wo sind die Abgründe des Berghelden?

Arnold Fanck hat’s ernsthaft vorgemacht, Wolfgang Murnberger macht sich einen Spaß damit: Der Berg ruft, Luis Trenker (Tobias Moretti) ruft zurück. Bild: Roxy Film/Christian Hartmann

Auf dem Papier traumhaft, auf dem Bildschirm zweifelhaft: Wolfgang Murnbergers Luis-Trenker-Film wirft einen stumpfen Blick auf die Karriere des Bergsteigerhelden im Dritten Reich.

          Eine Traumkombination kommt da ins Fernsehen: Der Österreicher Wolfgang Murnberger hat für das Erste mit seinem Landsmann Tobias Moretti gedreht, der erst kürzlich unter Murnbergers Regie in „Das ewige Leben“ (nach dem gleichnamigen Brenner-Krimi von Wolf Haas) einen Auftritt hingelegt hat, wie man ihn aus dem deutschsprachigen Kino kaum mehr kennt: doppelbödig, witzig, nahe an der Kolportage und trotzdem große Schauspielkunst. Und nicht zu vergessen: ein grandioses Drehbuch, das diese Fähigkeiten herausgekitzelt hat. Murnberger war daran beteiligt.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Warum also hat man ihn nicht auch auf eine Mitarbeit am Drehbuch für „Luis Trenker - Der schmale Grat der Wahrheit“ verpflichtet? Warum ließ man ihn zwar die Südtiroler Alpen ins schönste künstliche Licht setzen, seinem Kameramann Peter von Haller die ungewöhnlichsten Brennweiten bis hin zu grotesken anatomischen Verkürzungen vorgeben und Moretti in der Hauptrolle einen beinahe noch exaltierteren Auftritt als in „Das ewige Leben“ ermöglichen - aber das alles auf dem Hintergrund jener wahren, kläglichen Geschichte der von Trenker nach dem Krieg gefälschten Tagebücher der Hitler-Geliebten Eva Braun? Die gute Farce zu einem solchen Thema hat doch 1992 bereits Helmut Dietl mit „Shtonk!“ gedreht.

          Das Reich buhlte um seine Gunst

          Aber das Problem von Murnbergers Film über Luis Trenkers Karriere im „Dritten Reich“ und dessen Versuche, in der Nachkriegszeit noch einmal Fuß im Filmgeschäft zu fassen, ist, dass er sich gar nicht entscheiden will zwischen Farce und dem, was man heute Biopic nennt. Den Rahmen bietet ein Besuch des Südtirolers Trenker auf den Filmfestspielen von Venedig im Jahr 1948, im Gepäck das Typoskript des angeblichen Braun-Tagebuchs. Zwölf Jahre zuvor hatte in Venedig „Der Kaiser von Amerika“ - Trenker führte Regie und spielte die Hauptrolle - die Coppa Mussolini für den besten ausländischen Film gewonnen.

          Filmplakat der DDR zu Trenkers Film „Der Berg ruft“

          Um die Arbeit des gefeierten Künstlers buhlten das „Dritte Reich“ und Italien, so wie später um seine Stimme bei der von 1939 an erzwungenen Entscheidung der deutschstämmigen Bevölkerung Südtirols für oder gegen ihre zu Italien gehörende Heimat. Zwischen den Interessen der beiden Diktaturen lavierte Trenker geschickt und drehte nimmermüde, wo immer sich ihm die besseren Bedingungen boten. 1937 stellte er in beiden Ländern seinen Spielfilm „Condottieri“ her, auch gleich in zwei Sprachfassungen; er selbst spielte darin den Giovanni di Medici, in der italienischen Fassung firmierte er als Regisseur unter dem Namen Luigi Trenker. Auch dieses Werk brachte ihm in Venedig einen Preis ein: für die beste Darstellung von Natur- und Kunstschönheiten. Man könnte das eine Demütigung nennen, aber es war ja auch nur ein halbgares Historiendrama.

          Pathos und Schlawinertum

          Ausgerechnet „Condottieri“ führt jedoch in „Luis Trenker - Der schmale Grat der Wahrheit“ zum zeitweisen Bruch mit dem NS-Regime, dem sich der Regisseur aber immer wieder neu andient. Dabei entlarven Rückblenden die meist aus dem Off erklingenden Erzählungen Trenkers über seine Rolle im „Dritten Reich“ als spätere Beschönigungen, manchmal auch freche Lügen. Murnberger macht aus seiner Hauptfigur einen Hallodri, und wer jemals die vor Pathos triefenden Trenker-Filme der dreißiger und vierziger Jahre gesehen hat, dürfte dadurch zumindest überrascht werden. Doch der Fernsehfilm verpasst die Chance, inszeniertes und tatsächliches Leben gegeneinanderzusetzen und damit der Figur Trenkers etwas Abgründiges zu verleihen. Zu selten werden Originalaufnahmen nachgestellt, und wenn, wirken sie unfreiwillig komisch. Unter dem berühmten Bergfilmer Arnold Fanck, dessen Ästhetik für Murnberger die Folie für manchen übersteigerten Nachvollzug abgibt, agierte Trenker meist als leidender Held. Es ist, als sollte nun das genaue Gegenteil inszeniert werden, und diese Eindimensionalität nimmt dem zwiespältigen Handeln Trenkers seine Brisanz.

          Immerhin hätte der Fernsehfilm es fast geschafft, Leni Riefenstahl, die neben Trenker 1926 in einem Fanck-Film debütiert hat, zu einer sympathischen Figur zu machen. Brigitte Hobmeier gibt ihr genau die richtige Dosis an Selbstgerechtigkeit angesichts ihrer skrupellosen Karriereplanung im „Dritten Reich“ und vermag damit das Handeln dieser einzigen prominenten Frau im Haifischbecken der NS-Kulturpolitik unangenehm nachvollziehbar zu machen. Bis aber auch sie zum Schluss als Abziehbild der gängigen Klischees gezeigt wird.

          Er hätte sich entscheiden müssen - das ist immer wieder der Tenor über Trenker in diesem Film. Dass der Film über ihn es auch nicht kann, ist eine bittere Ironie.

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