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Auf dem Open Knowledge Festival : Ihr seid unsere Gold-Kutsche

  • -Aktualisiert am

Will Daten in Jobs verwandeln: EU-Kommissarin Neelie Kroes Bild: AFP

„Open“ ist das neue Zauberwort für Internet-Zweckoptimisten. Dahinter kann sich eine Menge verbergen, meist sind es finanzielle Interessen. Das bewies das Open Knowledge Festival in Berlin, unterstützt von Google.

          Die Verwendung des Wortes „Internet“ als Synonym für Hoffnung ist keine neue Sache. Gleiches gilt für die Verwechselung von Technologie und Magie. Tatsächlich langweilt das Gerede von den neuen Möglichkeiten inzwischen. Und geradezu lächerlich ist der ständige Auswuchs nachvollziehbarer Erwartungen zu neuen Formen des Glaubens. Als Grund, von nun an anders über die Digitalisierung zu sprechen, gilt all das freilich nicht. Das Märchen der besseren Gesellschaft lässt sich immer wieder neu erzählen, es müssen nur hin und wieder die Begriffe ausgetauscht werden. Derzeit in Mode ist „open“.

          Open, deswegen bietet sich der Begriff an, kann alles sein. Beim „Open Knowledge Festival“ in Berlin ging es diese Woche folglich um open society, open government, open science und open education. Wem open community nicht reichte, der durfte über open coalition sprechen. Auch open surveillance war ein Thema, wenn auch nur verbunden mit einem Fragezeichen, weil es ansonsten doch zu albern geworden wäre. Nur um das eine Phänomen, das in den vergangenen Jahren tatsächlich substanzielle Veränderungen und Verbesserungen bedeutete, machten die mehren hundert Teilnehmer einen großen Bogen. Niemand wollte über „open source“ sprechen.

          Dem Aktivismus fehlt es an Führung

          Den Grund dafür deutete Rufus Pollock, Präsident der Open Knowledge Foundation, bereits am ersten Tag des zweitätigen Treffens an: Im Gespräch mit Ory Okolloh, einer kenianischen Aktivistin und Anwältin, die für die Stiftung des Silicon-Valley-Milliardärs Piere Omidyar arbeitet, zeigte er sich entrüstet darüber, dass es in England für Google unmöglich sei, automatisierten Zugang zu Urteilen der Gerichte zu erhalten. Der Zugriff auf Gesundheitsdaten der Bevölkerung sei unglaublich teuer. Es geht ihm und seiner Bewegung nämlich nur um eines: „open data“.

          Am zweiten Tag sprach es der „Gold Sponsor“ der Veranstaltung dann offen aus. In seiner Keynote vor allen Teilnehmern sprach Eric Hysen, der Kopf aller Bemühungen von Google, sich bei den Wahlen in aller Welt mit eigenen Informationsangeboten einzumischen, ganz offen darüber. Goolge stellt die Infrastruktur zur Verfügung, die Open-Data-Bewegung soll das Unternehmen füttern. Hysen verwendete ein historisches Bild: 1780 habe es zwei Tage gedauert, die 60 Meilen von Cambridge nach London zu reisen. Dabei hätten die Pferdekutschen schon damals viel schneller fahren können. Es gab nur keine Straßen.

          „Eure Bemühungen sind wie die Kutschen damals“ sagte Hysen dann ins Publikum. Nun brauche es jemanden, der sich um die Infrastruktur für alle kümmert. Google nehme die Sache gerne in die Hand, die „Unterstützung der Community“ sei dem Unternehmen wichtig. Damit traf der den Nerv der Veranstalter und Teilnehmer. Bereits Ory Okolloh - ihr Arbeitgeber, das Omidyar  Network, war der zweite „Gold Sponsor“ -, stellte fest, dass es dem Aktivismus an Führung und Struktur fehle.

          Alles steht auf dem Spiel

          Sie habe selbst erfahren, dass sie erst dann Zugang zu afrikanischen Regierungen erhielt, als sie in früheren Jahren als Mitarbeiterin von Google an die Tore der Macht klopfte. Nun solle man die aufwendige Technologie den Unternehmen überlassen, die sie verstünden. Letztlich rief sie sogar dazu auf, weniger Texte zu schreiben und sich mehr auf Visualisierungen und Videos zu besinnen, weil die im Internet „anders als zwanzigseitige Texte gut viral gehen können“. So soll der Lebensmut der Aktivisten bei Laune gehalten werden.

          Damit war eigentlich am ersten Tag alles gesagt, was man über die „Openness-Bewegung“ wissen müsste. Zu Beginn des zweiten Tages folgte auf die Pflicht dann aber doch noch eine Kür. Neelie Kroes, noch bis November EU-Kommissarin für die digitale Agenda, sprach eine halbe Stunde über die digitale Gesellschaft und darüber, „was auf dem Spiel steht“, nämlich alles. Sie rief dem Publikum zu, dass man auf dem richtigen Weg sei, dass alle Bemühungen wichtig seien, und auch sie hoffe, dass die Politik alsbald geschlossen nachziehe. Es gehe darum, alle Chancen zu nutzen und „Daten“ in „Jobs“ zu verwandeln.

          Entsprechend der Veranstaltung sprach auch sie allein über Wünsche unter Ausblendung jeder Erfahrung mit der Wirklichkeit. Das wurde besonders deutlich, als sie unter Applaus auf das Urheberrecht zu sprechen kam. Es müsse einen fundamentalen Wandel geben, sagte sie. Erst einmal sei alles als verfügbar anzusehen, bis Einsprüche dagegen erhoben würden, die dann einzeln zu prüfen seien. In der Hinsicht, sagte Kroes offen, leide sie etwas unter den jüngsten europäischen Entwicklungen.

          Der Fehler lag aber wieder auf der Hand, wie er seit Jahren offensichtlich ist: Beim Urheberrecht geht es nicht um die Frage, unter welchen Bedingungen künstlerische, journalistische und wissenschaftliche Werke genutzt werden sollten, sondern unter welchen Bedingungen sie entstehen können. Für diese einfachste aller Fragen war allerdings kein Raum. Wie schon die Piraten waren auch die Openness-Aktivisten nur auf sich und die Zukunft bedacht.

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