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Regisseure rebellieren : Mit 50 bist du zu alt

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Er kennt das Geschäft nur zu gut: Rolf Silber, Regisseur und Produzent. Bild: To Kühne

Auf dem Filmfest München geht es hoch her: Regisseurinnen und Regisseure beklagen Altersdiskriminierung. Die beginne schon in recht jungen Jahren. Ein ZDF-Fernsehspielchef nimmt dazu Stellung.

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          Wenn es stimmt, dass das Fernsehen gesellschaftliche Verhältnisse abbildet, dann sollte das auch für das Personal hinter der Kamera gelten. Und dann ist neben der die Gesellschaft eher zersetzenden Genderdebatte ein zweiter Kampfplatz eröffnet: die Altersdiskriminierung. Überraschend ist die Härte, mit der sich das Thema auf dem Regietag des Münchner Filmfests offenbarte. Erfolgreiche Meister ihres Fachs, wie „Tatort“-Routinier Thomas Jauch, Jobst Oetzmann und Christian Wagner, schilderten dem aus Mainz angereisten Leiter des Fernsehspiels 2 beim ZDF, Matthias Pfeifer, wie schlecht es um ihre Beschäftigungschancen steht – geopfert einem Jugendkult in den öffentlich-rechtlichen Sendern, der inhaltlich nicht begründet ist. Dass die Regisseurinnen ebenfalls eine Altersdiskriminierung für alle über Vierzigjährigen beklagen, also für genau die, die eine Quote für Frauen auf Regiestühlen durchgesetzt haben, ist die bitterste Pointe.

          „Bring mir wen, der unter Dreißig ist und möglichst Frau“

          Einer, der nichts mehr zu verlieren hat, weil er schon einmal kalt gestellt wurde, ist der Autor und Regisseur Rolf Silber, ein unabhängiger Kopf, Mitgründer der U5-Filmproduktion in Frankfurt und einer von fünf Vorständen im Bundesverband Regie. „Den Jungen“, sagte er, komme zurzeit entgegen, „dass die Branche – noch – dreht, bis der Arzt kommt und angeblich bei den Sendern die Devise ausgegeben wurde: ,Bring mir wen, der unter Dreißig ist und möglichst Frau‘“. Zugleich meldeten sich junge Kollegen, denen Vertrags- und Drehbedingungen präsentiert werden, die man Älteren nicht vorzulegen gewagt hätte. „Und wir fragen uns, ob da Zusammenhänge bestehen.“ Silber weiß zu berichten, dass man schon mit Fünfzig als „alt“ gilt. „Ein Alter also, das mal eines war, wo man von Regisseurinnen und Regisseuren Filme erwartete, die dem Höhepunkt ihres Schaffens entsprangen.“ Nun sei das Problem „existenziell, weil – manchmal über Nacht – Karrieren und damit Existenzen vernichtet werden.“ Der Regisseur Thomas Jauch sagte, er sei froh, dass er sich schon „im Sonnenuntergang“ seiner Karriere befinde. „Wenn ich 50 wäre, hätte ich Angst.“ Auch ihm sei es nicht nur einmal passiert, dass ihm eine Regie angeboten wurde „und zwei Wochen später hieß es: Du machst das doch nicht. Das soll jetzt eine Frau machen.“

          „Es ist richtig, dass wir uns gerade umstellen auf ein durchwachseneres, vielseitigeres Publikum“, sagte der ZDF-Mann Pfeifer, sein Sender habe bislang vor allem ältere Zuschauer. Der Intendant Norbert Himmler habe erkannt, dass man jüngere Zuschauerschichten erreichen müsse: „Denn die gucken uns gar nicht mehr – nicht mal in der Mediathek.“ Es stehe fest, „dass wir zu viel Geld für das alte Publikum ausgeben und fast nichts für die Jungen. Das wird jetzt gerade geändert.“ Das heiße nicht, dass man nichts mehr für die Älteren produziere, sei aber die Ursache dafür, „warum gerade massiv umgeschichtet wird“. Und ja, man habe ein Traineeprogramm für junge Regisseurinnen aufgesetzt, die nach ihrem Debüt im Kleinen Fernsehspiel „zu industriellem Arbeiten“ hingeführt werden sollten. Und was spreche dagegen, Nachwuchsleuten eine Neo-Dramaserie zu geben?

          Die Regisseurin Elena Alvarez verwies hingegen darauf, dass jünger oft auch angepasster heiße: „Fontane hat Effi Briest mit 75 geschrieben. Wenn ich mir anschaue, was auf dem Filmfest unter ,Neues deutsches Fernsehen‘ läuft, dann ist das okay und solide, aber nicht innovativ und cool.“ Jobst Oetzmann mochte nicht glauben, dass die Frage nach der Regie nicht mehr inhaltlich beantwortet werde. „Das empfinde ich als desaströs. Wir haben nicht nur die Genderdebatte. Wir haben auch Alt gegen Jung.“

          Im Gespräch sagt Matthias Pfeifer, er verstehe „die Bitterkeit total. Wenn man früher nicht mit innovativen Ideen durchgekommen ist und der Markt nun offener für vielfältiges Erzählen ist, dass man da mitmachen will.“ Doch müsse man grundsätzlich in manche Formate mehr Innovation bringen. Man priorisiere Formate, die „richtig Geld“ brauchten und entwickele anderes, für das weniger vonnöten sei, ohne dass die Qualität leide. Zum Beispiel „Instant Fiction“, die während der Corona-Zeit entstanden sei. Es gehe um neue Produktionen wie „Liebe jetzt“, die mit geringen Mitteln „Zeitgeist möglichst schnell in die Mediatheken bringen“. So erziele man einen großen Effekt für wenig Geld. Es gelte nicht automatisch, „dass, wenn die Produktionsbedingungen schlechter sind, auch das Programm schlechter sein muss.“ Die in München versammelten Regisseurinnen und Regisseure werden die Einschätzung nicht teilen. Und das ist keine Frage des Alters.

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