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Audible Turn : Wer nicht hören will, muss weitersehen

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Unterschied zwischen Hören und Zuhören

Beim unkontrollierten Hören bedarf es zur Verführung mehr als zuckerhaltiger Suchtstoffe, wie etwa süßliche Stimmen. Um das Belohnungssystem zu aktivieren, müssen größere Geschütze aufgefahren werden. Das Radio hat hierfür Millionengewinnspiele erfunden, um den Hörer dem Dornröschenschlaf des Nebenbeihörens zu entreißen. Jetzt wird aus dem Hören mitunter ein Zuhören. Und, ja, der Wasserhahn kann, wenn Audio fließt, leichter abgedreht werden.

Menschen, die sich aus professionellen Gründen mit diesem Unterschied von Hören und Zuhören beschäftigen, wie etwa Psychologen, Musiker oder im Hörfunk Tätige, wissen um die Besonderheit „ihrer“ Sinneswahrnehmung. Sie beherrschen die Dramaturgie der Verführung des Gesprochenen. Ist erst einmal die Aufmerksamkeit hergestellt, ist der Zuhörende „ganz Ohr“. Als wäre er Teil eines Gesprächs, das er interessiert verfolgt.

Die Teilhabe am Gesprächsverlauf ist unausgesprochen und bedarf keiner Verabredung. Sie mag unbewusst getroffen werden, und doch wird sie nicht als eine Verführung empfunden, die uns am Ende dicker macht. Natürlich können Stimmen verführen, besonders wenn sie eine gute Geschichte erzählen. Doch selbst wenn der verführerische Charakter durchschaut wird, stellt sich kein Betrugsverdacht ein.

„Geht ins Ohr und bleibt im Kopf“

Im Gegenteil, die Verführung setzt biographisch sehr früh ein. Die Gutenachtgeschichte kommt deutlich vor der Mediensozialisierung. Deshalb muss die Hingabe an Klang und Stimmen nicht gleich schwächend-regressiv sein, sie kann mitunter als eine entlastende Immunisierung gegen visuelle Störfeuer empfunden werden.

Medienschaffende, die sich mit der Verbreitung ihrer Arbeit über Schallwellen beschäftigen, nennen wir sie „Audioschaffende“, im Radio, als Podcast-Produzenten, bis hin zum Hörspiel, sind im Unterhaltung-für-die-Ohren-Business unterwegs. Die Geschäftsgrundlage ist einfach: Audio geht ins Ohr und bleibt im Kopf.

Macht aber auch was mit unserem Kopf. Macht ihn freier und weniger anfällig für die Verführungen der digitalen Dickmacher. Das seien doch nur Kinderkrankheiten aus der Frühzeit der Digitalisierung. Darin stimmen die Medienökonomen in ihren Diagnosebefunden zwar überein. Ein „Antidigitalikum“ allerdings ist noch nicht erfunden. Wird vielleicht auch nie erfunden werden, weil Verhaltenstherapie sich als der aussichtsreichere Weg herausstellen könnte.

Audible Turn?

Tatsächlich zeigt die Empirie erste Therapieansätze, die auf die Immunisierungskräfte von Audio setzen. Die fulminant gestartete Smartspeaker-Nutzung reduziert die Bildschirm-Nutzung: wer mit Smartspeakern spricht, greift weniger oft zum Smartphone (34 Prozent) und sieht weniger fern (30 Prozent), wie eine aktuelle amerikanische Studie nahelegt. Wird Audio den „Video Star“ killen? Stehen wir an der Schwelle zu einem neuen „Zeitalter der Oralität“ (Nobert Bolz)? Wird das visuelle Zeitalter bald als das dunkle gelten? Ein Zeitalter, in dem wir abhängig waren von einem kleinen Bildschirm. Nach dem „Iconic Turn“ der „Audible Turn“? Wird das neue Lagerfeuer ein Lautsprecher sein, der mit uns sprechen kann? Bedient von unserer Stimme, die zur neuen Fernbedienung wird?

Eins ist klar, es handelt sich um eine Zäsur, die dazu angetan ist, einen weiteren Kulturbruch einzuleiten. Der letzte liegt gerade einmal elf Jahre zurück. Diese neue Zäsur rückt die Interessen und Bedürfnisse der Nutzer wieder stärker in den Vordergrund und wird zu mehr sinnvoll verbrachter Zeit mit Medien (time well spent) führen. Was hätten Karl Valentin und Liesl Karlstadt wohl dazu gesagt? Sie hatten eine Antwort in ihrem Heuboden-Dialog parat: „Jetzt halte dir mal die Ohren zu, dann schau ich, ob ich dich rieche – Gell, das ist g’spassig mit der Hörerei.“

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