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Audible Turn : Wer nicht hören will, muss weitersehen

  • -Aktualisiert am

Medienkonsum hauptsächlich auf Smartphone

Verhilft Audio zu mehr Autonomie? Selbst wenn keine Stimmen zu hören sind, spricht die Musik zu mir, ruft mich, ist gerichtet und verweist auf ein Verhältnis zwischen Subjekten. Sogar wenn der Absender nicht sichtbar ist, wie beispielsweise im Radio, spricht eine konkrete Person. Das funktioniert selbst bei fiktiven Personen. Im Film „Her“ erliegt der Protagonist Theodore seiner Sprachassistentin Samantha. Es reicht ihre Stimme – im Original gesprochen von Scarlett Johansson –, damit sich Theodore hoffnungslos in sie verliebt. Die Stimme konstituiert das Subjekt.

Wenn nun das Hören unsere Autonomie stärkt, was bewirkt dann das Sehen mit uns, insbesondere beim überbordenden Medienkonsum? Im Jahr elf n.iP. (nach iPhone) spielt sich das „mediale“ Sehen zu zwei Drittel auf dem Smartphone ab. Der nicht abreißende Nachrichtenstrom informiert nicht mehr, sondern gleicht einer „Zeichen basierten Epidemie“ (Peter Sloterdijk). Katzenvideos, Syrientote und Selfies schwellen zu einem immer breiteren Content-Strom an. Das „digitale Snacking“ verlangt der kognitiven Digestion Höchstleistung ab.

Visuelle Sättigung

Eine „unsichtbare Hand“ verhandelt unsere kognitiven Ressourcen und dealt noch das kleinste Quentchen Aufmerksamkeit gegen die letzten Autonomie aufrechterhaltenden freien Willensbekundungen. Die Verhaltensökonomie weist als Sieger in allen Punkten die Heteronomie über die Autonomie aus. Ausdruck dessen ist eine „große Gereiztheit“, wie der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen es nennt.

Fremdbestimmt, also heteronom, können wir gar nicht anders, als immer wieder zu diesem Ding zu greifen. Bis zu achtundachtzig Mal am Tag. Würden sich unterschiedliche Stimmen übers Smartphone so ungefragt aufdrängen, wie das visuelle Botschaften tun, wäre ganz schnell ein „Halt die Klappe“ die Reaktion. Aber kann man den Sehsinn für die digitale Diktatur zur Rechenschaft ziehen? Können wir uns an Dingen sattsehen? Oder braucht es immer wieder neue Stimuli? Spätestens nach zwei Stunden in den Uffizien wissen wir, es gibt so etwas wie eine „visuelle Sättigung“, als pathologische Form unter dem sogenannten Stendhal-Syndrom geführt, und wir landen im Museumscafé.

Medialer Wasserhahn

Doch das Smartphone will nicht, dass wir ins Café gehen. Selbst wenn wir mit ihm im Café sind, sind wir doch beim Smartphone und nicht im Café. Erst die Kombination Smartphone-Technologie und der nicht versiegende Content-Strom macht die zwei Seiten der Medaille digitalen Dauerstresses aus. Ein medialer Wasserhahn, der nicht abgedreht werden kann. Denn es fließt Zuckerwasser, dessen Dosis unmerklich, aber ständig zunimmt.

Wenn nun aus dem Wasserhahn Klang und Stimmen kommen, also Kernbestandteile von Audio, kann dann der Wasserhahn leichter abgedreht werden? Medial vermittelte Bilder scheinen uns zu beherrschen, wir können uns ihnen nicht entziehen. Vom Aufmerksamkeitskonto wird ständig abgebucht und der kognitive Dispo ständig überreizt. Fürs Hören hingegen muss kein großer kognitiver Aufwand betrieben werden. Unkontrolliert, unwillkürlich geschieht das, so dass das Konto der Aufmerksamkeit lange im Plus bleibt und sich anderswo verschuldet, beim Sehen zum Beispiel.

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