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„Tatort. Wacht am Rhein“ : Die Zeiten haben sich geändert

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Zugriff: Kommissar Ballauf (Klaus J. Behrendt) setzt den Mordverdächtigen Khalid Hamidi (Samy Abdel Fattah) fest. Bild: WDR/Thomas Kost

Irgendwann konnte auch der Kölner „Tatort“ nicht mehr an den Ereignissen der Silvesternacht vorbei. Die Kommissare Ballauf und Schenk ermitteln in einer verunsicherten Stadt

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          Der Straßenmusiker, dem Ballauf und Schenk begegnen, ein Saxophonist, der dem Jazzer Klaus Doldinger verblüffend ähnlich sieht, weil Doldinger höchstselbst die Rolle spielt, bläst selbstverständlich nicht „Die Wacht am Rhein“. Trotzdem läuft der nationalistische Gassenhauer im Kölner „Tatort“ im Kopf-Radio mit, und Gerichtsmediziner Joseph Roth übernimmt es, gebeugt über die Leiche eines Mitglieds der Bürgerwehr „Die Wacht am Rhein“, einige Wörter aus dem Text zum Besten zu geben: „Lieb Vaterland magst ruhig sein.“ Worauf Ballauf „Ist auch besser so, bei diesem Mist“, stöhnt. Ihm kommt in diesem gutgemeinten, in der Auflösung aber vorhersehbaren Film voller Fingerzeige auf die Gefahren der Gegenwart, wiederholt die Galle hoch, wenn er rechten Hetzern begegnet.

          Einer von ihnen ist Dieter Gottschalk (Sylvester Groth). Er ist der Initiator einer Bürgerwehr, die sich in einem Kölner Viertel nach der Silvesternacht 2015 gegründet hat, ein Sicherheitsmann, der sich „fremd im eigenen Land“ fühlt und schon länger auf den Aufbau seiner Lautsprecheranlage gewartet haben muss.

          Im Drehbuch von Jürgen Werner, von dem unter anderem der Götz-George-Film „Zivilcourage“ und das Buch zum Dortmunder Neonazi-„Tatort: Hydra“ stammen, haben allerdings auch Figuren einen Platz, die man bis vor kurzem kaum in einem solchen Umfeld vermutet hätte.

          Walkie-Talkie: Dieter Gottschalk (Sylvester Groth) hat eine Bürgerwehr gegründet.
          Walkie-Talkie: Dieter Gottschalk (Sylvester Groth) hat eine Bürgerwehr gegründet. : Bild: WDR/Thomas Kost

          Eine Mutter empfindet die Umbrüche in der Welt als „Wahnsinn“; sie fürchtet um die Sicherheit ihrer Kinder. Ein marokkanischer Supermarktbesitzer will nicht länger mit ansehen, dass die neuen Zuwanderer den Respekt zunichte machen, den sich seine Generation mühsam erarbeitet hat. Ein Zoohändler erlebte, wie seine Frau nach einem Einbruch psychisch zusammenbrach, von seiner Tochter heißt es, sie sei von einem Marokkaner belästigt worden. Auch der Sohn des Zoohändlers streift durch eine Stadt, die vielen seit den Ereignissen auf der Domplatte vor einem Jahr als Inbegriff eines drohenden Staatsversagens gilt, zu einem solchen Symbol allerdings auch aufgebaut wird. „Die Zeiten haben sich geändert“, ermahnt er eine alte Frau, die nachts allein unterwegs ist. Kurz darauf ist er tot.

          Verraten werden kann: Die Seniorin war es nicht. Als Mörder kommt ein Kapuzenträger in Frage, den die selbsternannten Ordnungshüter bis in die Zoohandlung verfolgten: „südländischer Typ, vermutlich Nordafrikaner“. Als Ballauf und Schenk ihn haben, einen kleinkriminellen Marokkaner mit aggressiven Mitbewohnern, gibt sich der junge Mann (Samy Abdel-Fattah) als Syrer mit verlustig gegangenem Pass aus und kommentiert die beim Verhör gezeigte Fotografie einer Frau mit unflätigen Worten. Die Ermittler sind von seinem Auftreten nicht minder genervt als von der Truppe, die den „Wacht am Rhein“-Button trägt und am Tatort mehr der Herkunft des vermeintlichen Mörders als des Toten gedenkt.

          Ein aus Tunesien stammender Student, den die Bürgerwehr in einem Keller festhält, rückt das Negativ-Klischee wieder zurecht. Der Festgehaltene ist unschuldig, beschwert sich über das „racial profiling“ der Hobbypolizisten und klagt: „Deutsche vergewaltigen Kinder, stehlen, betrügen, lügen – deswegen sind doch nicht alle Deutsche so. Aber wir Araber, wir sind alle gleich?“ Sein antirassistischer Appell verhindert weder, dass es im Viertel zur Hetzjagd auf Dunkelhäutige und dunkelhäutige Polizeiangehörige kommt, noch löst er das Dilemma, in das die „Wacht am Rhein“-Mitglieder im Keller geraten. Ihre Geschichte ist die differenzierteste des „Tatorts“, der mehrere Erzählstränge zu verbinden sucht. Unter der Regie von Sebastian Ko gelingt das ganz gut, obgleich auch bei „Wacht am Rhein“, wie so oft, weniger mehr gewesen wäre. Welche Wirkung sich einstellt, wo sich erst am letzten Sonntag der Frankfurter „Tatort. Land in dieser Zeit“ volkspädagogisch mit einem Flüchtling und der neuen Rechten befasste, steht auf einem anderen Blatt.

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