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Hintertürchen : Japan und die Atomwaffen

Kann sich nicht zu einem ausdrücklichen „Nein“ zur Bombe durchringen: Der japanische Premierminister Shinzo Abe spricht am 6. August vor etwa 50 000 Menschen in Hiroshima. Bild: Polaris/laif

„Wiederholt haben Sie denn Atomwaffenverbotsvertrag nicht mit einem Wort erwähnt“: Der Journalist Masato Tainaka schreibt einen wütenden Brief an den japanischen Premierminister Shinzo Abe.

          Am 6. August, an dem Japan zum 73. Mal dem Abwurf der ersten Atombombe durch die amerikanische Luftwaffe gedenkt, schreibt Masato Tainaka, Reporter bei Japans zweitgrößter Tageszeitung „Asahi“, einen öffentlichen Brief an den japanischen Premierminister Shinzo Abe. Tainaka befasst sich seit langem mit der Debatte um atomare Bewaffnung. In seinen Zeilen greift er einen gefährlichen verbalen Tanz auf, den Shinzo Abe stets aufführt, wenn in Japan der Opfer des Atombombenangriffs, den „Hibakusha“ gedacht wird: „In ihrer heutigen Rede bei der Friedenszeremonie von Hiroshima, haben Sie den Atomwaffenverbotsvertrag wiederholt mit keinem Wort erwähnt und sind damit dem Trend ihrer Rede vom vergangenen Jahr treu geblieben.“

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Atomwaffenverbotsvertrag wurde am 7. Juli 2017 bei einer Generalversammlung der vereinten Nationen mit 122 Stimmen angenommen. Unterzeichnet haben ihn bis dato 59 Staaten. Darunter auch Österreich. Und obgleich sich Wut und Enttäuschung in den Städten breit machten, die von den Atombomben verwüstet wurden, habe Abe noch bei der anschließenden Pressekonferenz seine Absicht erklärt, den Vertrag weder zu unterzeichnen, noch zu ratifizieren. Abes „sture Ablehnung, die Vereinbarung einfach anzuerkennen“, mache es schlicht unmöglich, als Brücke zwischen Atommächten und solchen, die keine Nuklearwaffen besitzen, zu fungieren, so wie es der Premier in seiner Rede erklärt habe. Die „internationale Gemeinschaft sowie die betroffenen Städte“, schreibt Tainaka, hätten Abes Absicht durchschaut, die Hauptachse seiner „Brücke“ allein in Amerika zu plazieren, damit es Japan weiterhin unter seinen nuklearen Schutzschirm nimmt.

          Abes ins Englische übersetzte Rede, die das Büro des Premierministers unter anderem auf Twitter veröffentlicht, beinhaltet nur einen kryptischen Absatz zum Atomwaffensperrvertrag, der die Verbreitung von Atomwaffen, nicht aber deren Entwicklung verbietet: Japan, so heißt es bei Abe, wolle „aktiv dazu beitragen“, dass die kommende Überprüfungskonferenz des Atomwaffensperrvertrags, die 2020 abgehalten werden soll – „dem 50. Jubiläum des Inkrafttretens des Vertrages“ – eine „bedeutsame“ wird. Das ist Japanisch für: Wir halten uns alle Optionen offen.

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