https://www.faz.net/-gqz-96fsm

„Atomic Falafel“ bei Arte : Da röhrt ja der Hirsch in der Wüste

  • -Aktualisiert am

Lautsprecher: General Haims (Shai Avivi) Botschaft kommt bei Mimi (Mali Levi Gershon) nicht gut an. Bild: Arte

Die Lösung des Nahost-Konflikts? Dror Shaul zeigt mit seiner knalligen Groteske „Atomic Falafel“, wie man mit Witz einen Krieg zwischen Israel und Iran verhindert.

          2 Min.

          Politische Satire hat es schwer, seit kaum noch karikierbarer Irrsinn sich in den Zentren der Macht festgesetzt hat. Es bleibt vielleicht nur die Möglichkeit, sich auf slapstickhafte Grotesken mit überraschend versöhnlichem Ausgang zu verlegen. Das jedenfalls hat der israelische Regisseur und Autor Dror Shaul mit „Atomic Falafel“ getan, einem polternden Quasi-Remake von Stanley Kubricks „Dr. Strangelove“, das auf die Bitterkeit und das grandios böse Finale des Originals verzichtet.

          Die übereifrigen Kriegstreiber, die in dieser deutsch-neuseeländisch-israelischen Produktion einen Atomangriff anzetteln wollen – zwischen Israel und Iran –, sind denn auch keine faschistoiden Wahnsinnigen, sondern Knallchargen, die den Atomkrieg nur wollen, weil man das eben seit je tut und der Gegner einem nicht zuvorkommen darf. Als Begründung reicht beiden Seiten aus: „Die anderen haben angefangen.“ Dafür obliegt es nun Jugendlichen, die sich über die Grenzen hinweg statt für Massenvernichtung für Rap-Musik, Computerprogramme, Social Media und ihren ersten Sex interessieren, kurz einmal die Welt zu retten. Natürlich ist das naiver Kitsch, aber schöner naiver Kitsch, der fast wieder politisch genannt werden kann. Man muss allerdings empfänglich sein für groben Witz.

          Einen guten Teil seines Humors bezieht der Film aus dem schlitzohrigen Umgang beider Staaten mit den Inspektoren der Internationalen Atomenergiebehörde, die just zu diesem Zeitpunkt nach (einerseits geleugneten, andererseits gerade scharf gemachten) Atomwaffen fahnden. In Israel wie in Iran sind die Kontrolleure gleichermaßen willkommen, hier wie da hagelt es Tomaten und Eier. Als echte Gefahr gelten die Diplomaten nicht: „Zeigt denen eine Textilfabrik, geht nach Yad Vashem, und dann schickt sie nach Hause“, verlangt der israelische Verteidigungsminister (Jonathan Cherchi). Das durchblickt nun ausgerechnet Atominspektor Oli (Alexander Fehling), ein gefühlvoller Pazifist, der wie alle Deutschen an unzähligen Allergien leidet, darunter eine Nuklearallergie, weshalb er als wandelnder Detektor fungiert. Es gelingt den Israelis jedoch vorerst, die Kontrolleure zu täuschen.

          Da kommen die Witwe Mimi (Mali Levi Gershon) und ihre pubertierende Tochter Nofar (Michelle Treves) ins Spiel. Ihre mobile Imbissbude, ein Falafel-Truck, ist der inoffizielle Caterer der unablässig Manöver in der Negev-Wüste durchführenden, für Falafel aber jeden Krieg unterbrechenden Armee. Auch hier ist nicht klar, wer den Erstschlag tut, aber bald ist die Anziehung zwischen Mimi und Oli so heftig, dass dieser die Weiterreise nach Iran hintanstellt – und so die geheimen Vorbereitungen zum Atomangriff gefährdet. Der Choleriker-General Haim (Shai Avivi) ist außer sich, fährt mit dem Panzer vor und verlangt von Mimi: „Nimm schön Abschied, Schmatz, Schmatz, und in zehn Minuten sitzt der Nazi in meinem Auto.“ Schließlich gefährde diese kleine Affäre „die ganze zionistische Sache“. Aber was heißt klein? „Fünfmal in einer Nacht“, erinnert sich Oli, „sechsmal“, korrigiert Mimi: Und da wackelt der Bus schon wieder.

          Die Handlung wird noch um einiges verrückter, als ein Nofar anbetender Junghacker (Idan Carmeli), ein Hund auf Drogen und die Iranerin Sharareh (Tara Melter) in die Mobilisierung eingreifen. Dass Shaul auf kein Stereotyp verzichten will, Beschneidungswitze und deutsche Hirsche inklusive, stört nicht weiter, weil alles derart rasant und musikgetrieben vonstatten geht. Dass das auch optisch bestens funktioniert, ist das Verdienst von Sebastian Edschmid (Kamera), der auf knallig bunte, großformatige Bilder in schneller Abfolge setzt. Wo das Timing stimmt, darf man schon einmal generös sein, auch hinsichtlich dann doch arg pathetischer Botschaften: „Diese Kinder haben keine Angst voreinander.“ Schauspielerisch wäre allerdings noch etwas Luft nach oben gewesen.

          Shaul schließt mit „Atomic Falafel“ nicht an seinen internationalen Erfolg „Sweet Mud“ (2006) an, eine melancholisch-poetische Abrechnung mit der sozialistischen Kibbuz-Utopie, sondern an sein überdrehtes Debüt „Operation Grandma“ (1999), in dem schon herzlich über die trottelige israelische Armee gelacht werden durfte. Mit Kubricks Meisterwerk hat das alles wenig zu tun, aber ein pfiffiges Finale mit gewitzter Pointe ist auch hier gelungen.

          Atomic Falafel läuft heute, Freitag 26. Januar, um 20.15 Uhr bei Arte.

          Weitere Themen

          Preisverleihung in Pandemie-Zeiten Video-Seite öffnen

          Oscars 2021 : Preisverleihung in Pandemie-Zeiten

          Wegen der Corona-Pandemie ist bei der 93. Oscar-Gala vieles anders als sonst. Unter anderem wurde sie von Februar auf April verschoben - und sie soll an mehreren Orten stattfinden. Für einige Nominierte hat die Ausnahmesituation aber vielleicht sogar einen Vorteil.

          Topmeldungen

          Einheitliche Regeln : Bundestag stimmt Corona-Notbremse zu

          Ausgangsbeschränkungen ab einer Inzidenz von 100, Schulschließungen ab 165 und einheitliche Regeln für den Einzelhandel: Die „Bundesnotbremse“ ist beschlossen. 8000 Menschen demonstrieren nahe der Abstimmung gegen die Corona-Maßnahmen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.