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Assange bei den „Simpsons“ : D’oh!

  • -Aktualisiert am

Julian Assange bei den Simpsons: Kaum Zeit zum provisorischen Schmunzeln Bild: dapd

Die „Simpsons“ sind entlarvend, satirisch, manchmal albern und immer unverwüstlich. Seit 500 Folgen kehren sie die Überreste des American dream zusammen - in der 500. Folge huschte jetzt Julian Assange durchs Bild.

          Bei den Simpsons gibt es immer etwas zu lernen. Wenn Vater Simpson nicht die Welt mit einem allumfassenden „D’oh!“ erklärt, gibt er seinen drei Sprösslingen etwa die Lebenslehre mit: „Kinder, ihr habt versucht, euer Bestes zu geben, und ihr habt kläglich versagt. Zieht daraus die Lehre: Versucht’s gar nicht erst.“ Gegen soviel Weisheit ist kein Kraut gewachsen. Unverwüstlich aber sind die Simpsons ohnehin.

          Kriegen und Revolutionen, Katastrophen und technologischen Umwälzungen hat die Serie getrotzt, aber die Simpsons sind die Gleichen geblieben, auch wenn sie sich nun nach all den Jahren digital kolorieren lassen. Eine Familie, ganz und gar traditionellen Zuschnitts und dazu von erstaunlichem Bestand. Das hätte auch dem 41. Präsidenten der Nation gefallen müssen, Bush dem Älteren, der ihr jedoch einst die bis an die Schmerzgrenze idealisierten „Waltons“ als Beispielgeber fürs amerikanische Volk vorzog.

          In den Überresten des American dream

          Inzwischen findet sogar der Vatikan manch Gutes an der Sippschaft, die zwischen den wackligen Grundpfeilern des American way of life und den Überresten des American dream ziemlich ratlos umherirrt, allerdings mit satirisch ergiebiger Wirkung. Egal, es bleibt erstaunlich, wie die Simpsons ihre Zeichentricknormalität gegen den vertrauten amerikanischen Gegenwartszirkus samt seinen pseudozivilisatorischen Auswüchsen, vom Fitnessfimmel über den Waffenwahn bis zur immer wieder ausbrechenden Religionsraserei, so souverän verteidigen konnten.

          Jetzt, ausgerechnet in der 500. Folge, wurden sie aus ihrem Heim in Springfield, 742 Evergreen Terrace, vertrieben. Die Stadt will das Stadtärgernis, also die Simpsons, ein für allemal loswerden. Das uramerikanische Springfield müssen sie mit den Outlands vertauschen, einer im Grunde nicht weniger uramerikanischen Gegend, wo die Kojoten heulen und die Zivilisation, soweit sie denn vorbeigeschaut hatte, in Trümmern liegt.

          Assange lieferte die Tonaufnahmen für die Szene per Telefon - von einem geheimen Ort

          Dort, im neuen Domizil der Simpsons, huscht auch ein neuer Nachbar durchs Gelände. Er tritt nur kurz in Erscheinung, und das ist gut so, war doch von Anfang an nicht ganz klar, wie er zumal in die Jubiläumsausgabe kam und was er dort zu suchen hatte. Julian Assange, der umstrittene Wikileaks-Gründer, als Nachbar der Simpsons? Eher ein Rätsel als ein Witz. Und so waren und blieben am aufregendsten die Vorberichte, die da schilderten, wie er seinen vokalen Beitrag für sein Zeichentrickebenbild per Telefon von einem Ort lieferte, der auch den amerikanischen Produzenten der Sendung nicht bekannt war.

          Nun ist Assange wahrlich nicht der erste Prominente, der bei den Simpsons vorbeischaute. Banksy, der flüchtige Künstler, war schon dabei, und selbst der scheinwerferscheue Thomas Pynchon nahm die Einladung an, ließ sich freilich mit einer braunen Einkaufstüte über dem Kopf darstellen. Im Gegensatz zu Elizabeth Taylor, die ihre Stimme dem Baby Maggie lieh, damit es sein erstes Wort von sich gegeben konnte, und Michael Jackson, der die Gestalt eines großen, dicken, weißen Spinners angenommen hatte, war Assange als Assange zu sehen und hören. Für ein paar Sekunden.

          D’oh!

          Wer nur kurz ein Bier aus dem Kühlschrank geholt hätte, wäre nicht in den Genuss des Superminiauftritts gekommen. Vor einer futuristischen Anlage, die als Zentrale von Wikileaks zu begreifen ist, überraschen ihn die Simpsons beim Grillen. Bart erkennt ihn gleich: „Wie geht’s, Herr Assange?“ „Das ist meine Privatsache, du hast kein Recht, das zu wissen.“ Immerhin, ein Hauch von Selbstironie. Schluss der Szene, mehr ist nicht. Kaum Zeit zum provisorischen Schmunzeln. Den Simpsons nämlich widerfährt Seltsames.

          Es trudelt die Einwohnerschaft von Springfield im dysfunktionalen Schmuddelparadies ein, auf ihrer nie enden wollenden Suche nach einem besseren Leben. Und was geschieht? Die Outlands werden gentrifiziert. Der neue Anfang endet auf der alten Tretmühle. Der Zivilisation ist nicht zu entkommen. D´oh!

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