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ZDF-Kultursendung „aspekte“ : Die große Abholung

  • -Aktualisiert am

In der bunten „aspekte“-Welt ein weiches Ledersofa, filzbeschlagene Sitzkuben für Zuschauer. Es gibt hier kaum etwas, an dem man sich sofort stoßen könnte, nicht einmal, wenn man es wollte. Bild: Andreas Pein

Die ZDF-Sendung „aspekte“ gibt es jetzt seit 50 Jahren. Zuletzt hat sie sich vom klassischen Kulturmagazin zum Format für gesellschaftspolitischen Aktivismus gemausert. Besteht noch Hoffnung auf mehr?

          Genau fünfzig Jahre ist es her, da saßen in der ZDF-Kultursendung „aspekte“ der Moderator und Redaktionsleiter Walther Schmieding und der Schriftsteller Günter Grass einander in karger Kulisse gegenüber und unterhielten sich, ohne mit der Wimper zu zucken und ohne jede humorige Brechung, über das Motiv des Onanierens in Grass’ Roman „Katz und Maus“. Dem Schriftsteller hatte man gerade öffentlich den Vorwurf der Pornographie gemacht, eine ernste Sache, also sprachen die beiden, um elaborierte Argumente und Ausdrücke ringend, so lange über das delikate Thema, bis sie es erschöpfend bearbeitet hatten.

          Offenbar war es kein Problem, dem Zuschauer so etwas zuzumuten, er musste dann eben selbst entscheiden, wie er sich zum Thema „Onanieren bei Grass“ positionieren würde. Und um ihn bei dieser Selbstbefragung nicht abzulenken, wechselte die Kameraeinstellung lediglich alle paar Minuten zwischen einer starren Totalen und einem starren Close-up – Angst der Programmmacher, den Zuschauer an eine spannendere Attraktion zu verlieren, ist nicht zu erspüren.

          Niedergang und Qualitätsverlust

          Nun erkennt der Kulturpessimist, wohin er auch blickt, nur Niedergang und Qualitätsverlust, nur sinkendes Niveau, schwindende Leser und Zuschauer, verblödende Massen und wachsende Oberflächlichkeiten. Doch ist die Beobachtung nicht ganz falsch, dass Bedächtigkeit und Nachdenklichkeit im Hauptprogramm der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten über die Jahre weniger geworden sein dürften. Es handelt sich dabei, um das vorwegzusagen, nicht um eine singuläre Entwicklung des Fernsehens. Auch in den Zeitungen verdrängten Fotos mit der Zeit einen Teil der Worte, wurden erst farbig, dann größer, weil es Grund zur Annahme gab, das geschriebene Wort allein könne nicht mehr genug Aufmerksamkeit garantieren in einer von ständiger Ablenkung durchsetzten Welt. Irgendwann im Laufe dieser erst in der Rückschau wahrnehmbaren Entwicklung muss auch jemand zum ersten Mal davon gesprochen haben, man müsse die Leute „abholen“, wenn man sie weiter dabeihaben wolle.

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          Es lohnt sich, „aspekte“ einmal exemplarisch zu betrachten, diese älteste Kultursendung im deutschen Fernsehen, die 1965 auf Sendung ging und damals noch, herrlich sperrig, mit „Informationen und Meinungen aus dem Kulturleben“ untertitelt wurde. Vor vier Jahren feierte man das 50. Jubiläum, knapp zwanzig Moderatoren kamen und gingen, manche blieben länger als zehn Jahre dabei, wie zwischen 1993 und 2011 Luzia Braun und Wolfgang Herles. Nun steht ein weiteres Jubiläum an: Genau fünf Jahre ist es her, dass die Sendung ihre bis dahin einschneidendste Neugestaltung erfuhr, nachdem die Quoten, die wegen des Bildungsauftrags der Öffentlich-Rechtlichen eigentlich keine Rolle spielen dürften, zunehmend gefallen waren. Man wollte die Sendung lebendiger machen, barrierefreier, wie es immer heißt, zugänglicher, weniger belehrend, holte sich also Publikum und musikalische Live-Acts ins Studio und fand Katty Salié und Jo Schück, zwei junge, charmante, gutaussehende Moderatoren. Sie führen seither so spielerisch leicht, einladend, unangestrengt und professionell ohne Teleprompter gleich hinein in die Sendung und dann von Beitrag zu Beitrag, dass man als Zuschauer kaum merkt, wie Zeit und Inhalte an einem vorbeirauschen.

          Angenehmes Unterhaltungsformat statt Kulturkritik

          Die Entwicklung der Sendung vom Format der Kulturkritik, die es auch lange vor dem Relaunch schon nicht mehr war, zu einem angenehm zu konsumierenden Unterhaltungsformat darf damit als vorerst abgeschlossen gelten, denn die Quoten stiegen wieder und sind konstant, so dass heute verlässlich etwa eine Million Zuschauer im Anschluss an die „heute show“ dabeibleibt. Man will möglichst geräuschfrei überleiten aus der grellen und amüsierfreudigen Laune bei Oliver Welke, damit zumindest ein kleiner Teil der gut drei Millionen „heute show“Fans nicht reflexhaft umschaltet.

          Man gibt sich als samtweiche, kulturell angehauchte Freitagabendshow. Schon das Studio sieht aus wie eine Wohnstube guter Freunde, gemütlich und einladend: gedeckte Farben, urbaner Charme, in der Mitte ein dickes, weiches Ledersofa, die Zuschauer nehmen Platz in filzbeschlagenen Sitzkuben, und ein zentrales Wandelement erinnert an den gepolsterten Innenraum einer Gummizelle. Es gibt hier kaum etwas, an dem man sich stoßen könnte, selbst wenn man wollte. Irgendwo in der Ecke liegt ordentlich ein Kronleuchter, als wäre er gerade von der Decke gefallen – es ist ein Rest von Widerständigkeit und Unberechenbarkeit an diesem Ort, auch wenn er sich als Deko getarnt hat.

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