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„Ashley Madison“ : Die Geheimnisse der anderen

Einst war Vertraulichkeit das Erfolgsgeheimnis des Seitensprungportals. Bild: Reuters

Die Hacker, die das Seitensprungportal „Ashley Madison“ geknackt haben, spielen moralische Richter. Dabei gehören sie selbst angeklagt. Ihr kriminelles Handeln hat fatale Folgen.

          4 Min.

          Vor ein paar Jahren, als das Internet noch jung war, pries ein Werbespot Beziehungsgeheimnisse im digitalen Zeitalter. Da saß ein adretter Mann am Computer, während seine ebenso adrette Partnerin vom Nebenraum aus mit ihm sprach, und buchte in aller Heimlichkeit einen Überraschungsurlaub für sie und ihn. Die Onlinetransaktion bürgte für Diskretion. Vor zwei Jahren, als die Snowden-Enthüllungen noch jung waren, warb das kanadische Seitensprungportal „Ashley Madison“ in Brüssel auf Plakatwänden. Unter den Konterfeis von Prinz Charles, dem belgischen König Albert II. und Bill Clinton stand die Frage: „Was haben sie gemeinsam?“ und die Antwort: „Sie hätten an Ashley Madison denken sollen.“ Wollte heißen: Hätten sich die drei werbewirksam angeprangerten Herren ihre Geliebten auf besagter Website gesucht, wären ihnen die öffentliche Bloßstellung erspart geblieben - ohne die, das war der ironische Dreh, diese Werbung nicht funktionieren würde.

          Ursula Scheer
          Redakteurin im Feuilleton.

          Seine auf der Schadenfreude des Jedermanns am publik gewordenen Promi-Skandal – Der Kaiser ist nackt! Aber mir kann das nicht passieren! – gründende Kampagne kann „Ashley Madison“ in Zukunft vergessen. Denn seit eine Hacker-Gruppe, die sich selbst „The Impact Team“ nennt, in den vergangenen Tagen massenweise Nutzerdaten von der Plattform gestohlen und publiziert hat, ist das Bekanntwerden pikanter Details wahrlich kein Elitenphänomen mehr. An die vierzig Millionen Mitglieder soll die Dating-Website nach eigenen Angaben weltweit zählen. Rund 33 Millionen Datensätze haben die Hacker ins „dark web“ gestellt, das mit einem Tor-Browser angesteuert werden kann: Namen, Anschriften, E-Mail-Adressen (300.000 sollen auf .de enden), Telefonnummern, Kreditkartennummern, Passwörter sowie Angaben zu sexuellen Vorlieben von Menschen – meist Männern – auf der Suche nach Affären. Inzwischen ist ein zweites Datenpaket hinzugekommen, das auch Teile des Quellcodes der Website enthält.

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          Die verdiente Lektion?

          Die Veröffentlichungen führen vor Augen, was längst klar ist, aber gerne verdrängt wird: dass das Internet für Geheimnisse – ganz gleich, ob sie von Dritten als moralisch unbedenklich oder verwerflich klassifiziert werden – ein denkbar ungeeigneter Aufbewahrungsort ist. Seine Liebste mag der fiktive Online-Urlaubsbucher im Werbespot und der reale zu Hause noch überraschen, Google und die Geheimdienste eher nicht. Und was auf Webservern liegt und im Netz hin und her geschoben wird, wartet nur darauf, von Hackern gehoben zu werden. Vor ein paar Monaten waren es private Nacktfotos von Scarlett Johansson und Rihanna (peinlich für die Betroffenen), dann der E-Mail-Verkehr von Sony-Pictures (peinlich und geschäftsschädigend), anschließend das Computersystems des deutschen Bundestags (was die Arbeitsfähigkeit der Legislative in Frage stellt). Banken, Regierungen, die Atomenergiebehörde – Beispiele für Hacker-Attacken sind Legion, da sind geknackte Nutzerdaten von Leuten mit amourösem Doppelleben das kleinste Problem, könnte man meinen. Oder mehr noch: Sie sind die vermeintlich gerechte Strafe für Betrüger.

          Von seiner Diskretion bleibt nichts übrig: Ashley-Madison-Chef Noel Biderman.
          Von seiner Diskretion bleibt nichts übrig: Ashley-Madison-Chef Noel Biderman. : Bild: AP

          In diese Kerbe schlägt „The Impact Team“ mit seinem Manifest, in dem es das Portal mit dem Slogan „Das Leben ist kurz. Gönn Dir eine Affäre“ der Unmoral bezichtigt und die Nutzer als „Drecksäcke“ tituliert, die statt Diskretion eine „Lektion“ verdient hätten. Die Hacker schreiben, es sei noch gnädig von ihnen, dass sie keine Bilder von Geschlechtsteilen veröffentlichten, denn die hätten sie auch massenweise abgegriffen. Das nennt man die Instrumente zeigen, die noch zur Anwendung kommen könnten.

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