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Das Finale von „Game of Thrones“ : Aschenputtel geht anders

Hat großes vor: Emilia Clarke als Daenerys Targaryen Bild: AP

„Game of Thrones“ ist gelaufen, doch zu Ende ist es noch lange nicht: George R.R. Martin schreibt weiter, während Fans der Serie zu wissen glauben, wie man besser Schluss macht. Dabei steckt in diesem Finale eine große Herausforderung.

          Atlas, der Weltenträger, das ist ein trauriger Zwerg. Die Welt, die er durch acht Staffeln Mord und Totschlag, Ränke und Bruderschaft, Liebe und Eifersucht hindurch er- und getragen hat, ist zerbrochen. In der finalen Folge von „Game of Thrones“ (GoT), die sich trotz einiger Entfremdung noch einmal vor ihrer Vorlage „A Song of Ice and Fire“ aus der Feder von George R.R. Martin verbeugt, stapft er durch die Asche von Königsmund.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Zu hören sind nur seine Schritte auf verbrannter Erde. Überlebende wandeln in Trance wie Untote vorüber. Erst dann tauchen die anderen tragenden Figuren auf. Und mit ihnen – zumindest für all jene, die sich von Anfang an bereitwillig von der Erzählung haben fesseln lassen oder auf den letzten Metern angesteckt wurden – auch die Fragen, die nun in etwa einer Stunde und zwanzig Minuten beantwortet werden sollen. Sie tragen hier den Zusatz „für immer“.

          Wer bleibt? Wer geht? Wer wird gegangen? Wer sitzt auf dem Thron? Wer findet sich? Wer verliert sich? Wie lässt man das Publikum zurück? Wie kommen die Autoren David Benioff und D. B. Weiss da nun wieder raus? Hat man die Fans betrogen? Oder bekommen sie, was sie verdienen?

          Die letzte Staffel wurde von starken ästhetischen Schwingungen erschüttert: Auf „Ritter aus Leidenschaft“-Niveau in sprachlastigen Folgen, die sich Zeit ließen; auf „Herr der Ringe“-Niveau, wenn es um die atemlosen letzten Gefechte ging. Das hatte sich abgezeichnet. Als die 6. Staffel im April 2016 an Martins Büchern vorbeieilte, besaß niemand den Mumm, sich dem längst entfachten Hype entgegenzustellen und zu warten – auch nicht Martin (der wohl auch nicht die Rechte).

          Das, was die Serie bis dahin ausgezeichnet hatte, war, eine (High-)Fantasy-Serie zu sein, die nicht primär durch all jene Dinge begeisterte, durch die das Genre zuletzt bildgewaltig punktete: Zauberschulmädchenreport, Monster aus dem Computer, die realer aussehen als alle Menschen auf Instagram zusammengenommen, Gut und Böse als klar erkennbare Positionen.

          In der Erzählung kämpfen die verschiedenen Häuser von Westeros um den „eisernen Thron“, während sich (im Norden) klammheimlich eine größere Bedrohung formiert. Wie diese den streitenden Familien zur Kenntnis gebracht wird und wie sie sich in ihrem Angesicht zusammenraufen (oder eben nicht), davon handelt die Serie; also alles wie in der Realität, nur mit Drachen und Zombies statt Smartphone-Nutzern und Klimawandel.

          Die Serie würzte kaltschnäuzig mit Blut und Nacktheit nach

          „Game of Thrones“ bestach durch Politik, Adels- und Familiendrama. Durch die Uneindeutigkeit wortgewandter Figuren, den Witz ihrer Rededuelle, den raschen Perspektivwechsel und die Raffinesse der Intrigen. All das hatte sie aus Martins Büchern. Die Serie würzte kaltschnäuzig mit Blut und Nacktheit nach und fing sich so ein breites Publikum. Hier fand jeder etwas. Übernatürliches fand zunächst nur in homöopathischen Dosen Einzug – bis irgendwann kein Blatt mehr aus der Vorlage vorhanden war, das sich hätte wenden können und die Produzenten, Autoren und Schauspieler auf sich selbst zurückgeworfen waren. Zwar hatten die Schauspieler in fünf Staffeln ein solides Gespür für ihre Figuren gewonnen, doch war plötzlich weniger Platz und Zeit für subtiles Ausagieren und vernichtende Dialoge. Die Drachen waren erwachsen, der Nachtkönig hatte eine Armee und die Ränke unter den Überlebenden mussten allmählich angesichts der größeren Bedrohung auf ein Minimum reduziert werden.

          „Game of Thrones“ ist kein Spiel für Gewinner. Alle haben zu viel verloren. Daenerys Targaryen (Emilia Clarke), auf die alle gehofft hatten, ihren (entsetzlichen) Bruder, ihren Mann, ihren Liebhaber, ihren Anspruch auf den Thron, zwei ihrer Drachenkinder und schließlich ihren Verstand. Jon Snow (Kit Harington), Tyrion Lannister (Peter Dinklage) und Grey Worm (Jacob Anderson) ergeht es ähnlich: Der erste war schon mal tot, verliebte sich unwissend in seine Tante und hatte auch sonst wenig zu Lachen. Der zweite erwürgte seine Liebhaberin und ermordete seinen Vater mit der Armbrust auf dem Plumsklo. Der Dritte kennt nur die Sklaverei und den Wehrdienst, und als er in Missandei (Nathalie Emmanuel) endlich mal jemanden findet, der sich für das Gleiche interessiert wie er (seine Königin), wird diese um einen Kopf gekürzt. Kein Wunder, dass alle am Ende hinreichend verschnupft sind. Wie soll daraus nun nach acht Staffeln noch Gutes erwachsen?

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