https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/artikel-in-listenform-die-qual-der-zahl-13148159.html

Listenartikel : Die Qual der Zahl

  • -Aktualisiert am

Viel Bild, wenig Text: In diesem Schrank verbirgt sich mit dem Kama Sutra einer der ersten Listicles. Bild: Picture-Alliance

Im Netz verbreiten sich Kurzartikel, die ihre Leser mit „10 guten Gründen“ oder „15 unglaublichen Fakten“ überzeugen wollen. Häufig findet man diese Posts bei Buzzfeed – bald auch in deutscher Sprache.

          2 Min.

          In sechzehn Schritten kann man sich jetzt auf „die russische Invasion“ vorbereiten. Voraussetzung - und Schritt eins - dafür ist, dass man „keine Angst vor grünen Männchen“ hat. Russland liegt nun nicht vor der Haustür, ist aber auch noch nicht Siedlungsgebiet des Durchschnitts-Alien, sollte man meinen. Die „grünen Männchen“ beziehen sich denn auch eher auf Russen in Uniform.

          Die Vorbereitung in sechzehn Schritten läuft ähnlich ab, wie man es bei einer Zombie-Apokalypse erwarten würde:  Essen horten, Feuerholz sammeln und abwarten. Am Ende gratuliert Putin persönlich, im kleinen Bewegtbild. Der Ratgeber-Artikel ist einer von vielen bei buzzfeed.com - aber er ist der erste Beitrag in deutscher Sprache und ein erster Hinweis auf die bevorstehende Buzzfeed-Invasion - ist das Selbstironie? -, denn das Unternehmen geht bald auch in Deutschland an den Start. 

          Die Medienseite ist ein Crossover aus Blog, Nachrichtenticker und Online-Magazin und präsentiert Nachrichten wie Tütensuppe in vier Schritten oder aus sechs guten Gründen. „Listicle“ nennt sich diese Art des Info-Fastfoods, ein Kofferwort aus „list“ und „article“. Mancherorts wird das Kama Sutra als sein Urvater angenommen, dessen Praktiken in „How tos“ organisiert sind, anderenorts Jonathan Swifts „Ein bescheidener Vorschlag“ von 1729, in dem der Autor unter anderem empfiehlt, die Kinder armer Leute zu verspeisen - zum (satirischen) Wohle des Staats.

          Die Liste der Todsünden

          Teils wurde der Listicle deshalb auf seinem  Online-Siegeszug begrüßt, als handle es sich dabei um ein Wiederaufleben aphoristischer Größe: Ein modernes Haiku sei geboren, ein neuer Limerick! Man unterwarf sich ihm freiwillig. Seitdem zieht er durch die Lande, lacht hämisch und macht alles zu Listen, was sich ihm in den Weg stellt: „Die 10 seltsamsten Bäume der Welt“, „Die 10 weniger bekannten Vorfälle an einem Freitag-den-Dreizehnten“ (das erste Black Sabbath-Album!)  oder auch „Zehn Dinge, die das menschliche Gehirn kann“. Moment, waren das nicht mal mehr? Es gibt außerdem auch zehn gute Gründe für Listicles. Und mindestens fünfzehn für Listicles über Listicles.

          Die Zahlen strotzen dabei vor Symbolik, wenn man sich nur einmal mit ihnen beschäftigt, und sind keineswegs zufällig gewählt. Die sechzehn Schritte zum Beispiel, in denen man einer russischen Invasion begegnen soll, lassen sich biblisch herleiten: „Die Zahl 16“, heißt es auf einer einschlägigen Seite, „erinnert uns an die Lagerordnung Israels in der Wüste.“ Kurz darauf ging schließlich auch die Liste der sieben Todsünden um die Welt, die sich in etwa mit der fast 2000 Jahre später erschienenen Aufstellung  „Sieben ungezogene Dinge, die man in L.A. tun sollte“ deckt. 

          „Die Zahl 16“, heißt es weiterhin, „ist die Zahl der Schwierigkeiten und der Lernprozesse. In einem persönlichen Jahr der Sechzehn werden Sie vermutlich aus Ihrer Komfortzone gerissen.“ So könnte man den Buzzfeed-Listicle zusammenfassen, ganz ohne Liste: Russland reißt Europa aus seiner Komfortzone - eigentlich ganz schön schlau, diese zahlensymbolischen Listen-Artikel.

          Weitere Themen

          Die Abschaffung der Jugend

          Demokratie in der Krise : Die Abschaffung der Jugend

          Die letzten Wahlen haben gezeigt, dass die Jüngeren kaum eine Rolle spielen – es gibt einfach zu wenig von ihnen. Was heißt das aber für unsere Zukunft?

          Topmeldungen

          Fridays fo Future demonstriert gegen den Braunkohletagebau

          Demokratie in der Krise : Die Abschaffung der Jugend

          Die letzten Wahlen haben gezeigt, dass die Jüngeren kaum eine Rolle spielen – es gibt einfach zu wenig von ihnen. Was heißt das aber für unsere Zukunft?
          Ukrainische Kämpfer nach der Evakuierung im Werk Azovstal in Mariupol.

          Antwort auf Jürgen Habermas : Widerstand statt Verhandlung

          Für Jürgen Habermas ist eine Niederlage der Ukraine nicht schlimmer als eine Eskalation des Konflikts. Denn er begreift nicht, dass Putin den Westen im Visier hat, dessen Freiheit in der Ukraine verzweifelt verteidigt wird. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.
          Bildungsmarkt
          Alles rund um das Thema Bildung
          Sprachkurs
          Verbessern Sie Ihr Englisch
          Sprachkurs
          Lernen Sie Französisch