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Artes „Durch die Nacht mit...“ : Noch ein Stück Sachbuchtorte?

Sie verstehen sich: Pamela Anderson und Srecko Horvat Bild: Edda Baumann-von Broen

Reden übers Weltretten und veganen Champagner: In einer denkwürdigen Folge geistern Srecko Horvat und Pamela Anderson „durch die Nacht“ von Graz.

          Als sich der kroatische Denker und Kandidat der Europapartei „DiEM25“ Srecko („Sretschko“, der glückliche) Horvat und die amerikanische „Schauspielerin und Aktivistin“ Pamela Anderson Ende Februar in Graz treffen, ist es bereits dunkel. Klar, Artes einzigartiges Erfolgsformat heißt ja auch „Durch die Nacht mit...“. Das Konzept der Reihe, die 2002 mit einer funkenschlagenden Folge mit dem verstorbenen Regisseur Christoph Schlingensief und dem Dirigenten Christian Thielemann begann, ist so simpel wie gut: Zwei Bekanntheiten aus möglichst unterschiedlichen Welten werden zusammengewürfelt und verbringen gemeinsam einen Abend. Das kann gewaltig schief gehen, wie im Januar 2012 mit Lena Meyer-Landrut und Casper (Berlin), oder aber herrlich schräg zünden wie mit H.P. Baxxter und Heinz Strunk (Hamburg).

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Sendung lebt davon, den Protagonisten dabei zuzusehen, ob sie es schaffen, im beschleunigten Verkehrschaos der Gesprächsanbahnung, dem Authentizitätsdruck und der Eigenwerbung zu bestehen und Gemeinsamkeiten zu finden, oder ob sie im Aneinandervorbeireden untergehen. Läuft es gut, halten sich Verstehen und Missverstehen zumindest die Waage.

          Ein kleines, aber charmantes Ungleichgewicht

          Anderson und Horvat verstehen sich – als zwei, die für die gerechte Sache kämpfen, aber auch als nahbares Idol und schüchterner Bewunderer. Dadurch bekommt die Sendung ein kleines, aber charmantes Ungleichgewicht. Als der sechsunddreißigjährige Horvat Mitte der Neunziger in die Pubertät kam, lief die heute 51 Jahre alte US-Kanadierin noch im knappen roten Badeanzug am Strand von Malibu entlang. Auf die Vorstellung, die sich Jugendliche von weiblicher Sexualität machten, dürfte sie damals, als sie in der Serie „Baywatch“ spielte, eine ähnliche Wirkung gehabt haben wie Disney-Filme auf die Vorstellung von einer reifen Beziehung.

          Die MeToo-Bewegung sieht Anderson kritisch. Auch hier wiederholt sie, was sie schon früher gesagt hat: „Wenn Du Dich entscheidest, das Hotelzimmer (mit einem Mann im Bademantel darin) zu betreten, dann sieh zu, dass du dir den Job verdammt nochmal holst!“ Zurzeit schreibt sie ein Buch darüber, wie man den Feminismus vor den Feministinnen retten kann. Horvat kommentiert diese Anwürfe oft mit einem zurückhaltenden Lächeln. Er ist schlau genug zu wissen, dass sie schlau genug ist, zu wissen, dass sie wenig Chancen hat, sich glaubwürdig von dem Frauenbild zu distanzieren, das sie lange vertrat. Ihm bleibt allenfalls das erstaunte Nachfragen, wenn sie Hugh Hefner als „Pionier“ lobt und das „Playboy Mansion“ als ihre Universität bezeichnet, in der sie auf vielfältige Weise mit Kunst und Kultur in Berührung gekommen sei. „Nun“, sagt Horvat, „du wusstest ja, was du tust“.

          „Es gibt in Russland keine Haie“

          Die von Horvat im vorangestellten Einzelinterview aufgestellte These, dass Anderson mehr sei als „das Mädchen im Badeanzug“ kann trotz ihrem dunklen Kapuzenpullover zunächst weder schlüssig be-, noch widerlegt werden. Derweil fragt man sich als Zuschauer, ob es nicht klar ist, dass jemand mehr ist als sein fiktives Flimmerbild – erkennt jedoch gleichzeitig, dass es heute dank der durch die Livestream-Möglichkeiten der sozialen Medien befeuerten Privatheits- und Authentizitätsschleifen eben doch nicht mehr so klar ist.

          Das wiederum hat auch Pamela Anderson erkannt. Als Influencerin, die sie ist, nutzt sie dies aber nicht, um Schminktipps zu geben, sondern versucht, ihren Einfluss in den Dienst der guten Sache zu stellen – vornehmlich als Tierrechtsaktivistin. Manchmal läuft sie dabei auch kontroversen Figuren über den Weg – wie Julian Assange oder Wladimir Putin. Letzterem will sie mal ein Buch über Haie geschenkt haben. „Es gibt in Russland keine Haie“, soll er zu ihr gesagt haben. Darauf sie: „Darum geht es ja!“

          Und weil Horvat während der Fahrt mit der Märchenbahn durch den Grazer Schlossberg, bei einem Glas Champagner auf der Murinsel oder einem Besuch auf dem Elevate-Festival beim nigerianischen Umweltschützer Nnimmo Bassey stets gutmütig fragt und versucht, Gesprächsimpulse zu geben, sieht man, wie Anderson zunehmend auftaut, und die amerikanische Bewertungshektik vom Beginn ablegt. Zusammen feiern sie Monogamie als radikal und fordern das Elevate-Publikum auf, für die Zukunft des Planeten alles in die Waagschale zu werfen, was sie zu bieten haben. So simpel, so rührend und dennoch: so wichtig. Das schönste und unfreiwillig lustigste Fazit des Abends zieht Horvat jedoch gleich zu Beginn: Es geht um Hunde. Anderson hat „immer einen Golden Retriever“, weil der beruhigend auf ihre anderen Hunde wirke. Horvat erzählt, er habe mal einen Bernhardiner gehabt: „Der hatte ein großes Herz.“

          Durch die Nacht mit ... Pamela Anderson und Srecko Horvat, in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch um 0.35 Uhr bei Arte, von heute an online.

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