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TV-Film über Warschauer Ghetto : Kampf um die Erinnerung

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Jüdisches Gebet im Warschauer Ghetto. Bild: Anna Wloch/NDR

Ein Film zeichnet nach, wie mutige Menschen mitten im Warschauer Ghetto ein Untergrundarchiv gründeten, um das Menschheitsverbrechen der Deutschen zu dokumentieren.

          Die von Ende 1940 an unter unwürdigen Bedingungen im Warschauer Getto eingepfercht lebenden Juden verloren schnell alle Illusionen. Der monströse Plan der deutschen Okkupatoren, sämtliche Juden systematisch zu ermorden, ließ sich bald nicht mehr übersehen. Den Mördern auch noch die Deutungsmacht über diese Taten zu überlassen – die Propagandafilme über entmenschlicht dargestellte Juden zeigten, worauf das hinauslief – hielt eine Gruppe von mutigen Menschen innerhalb des Gettos für unerträglich. So scharte der junge, linke Historiker Emanuel Ringelblum, offiziell als Mitarbeiter der Hilfsorganisation Joint Distribution Committee im Getto tätig, unter Lebensgefahr eine Gruppe von Intellektuellen um sich (darunter zumindest punktuell auch Marcel Reich-Ranicki, wie im Film nicht erwähnt wird), um das Leben und Leiden der jüdischen Bevölkerung sowie – mehr und mehr – die gigantischen Verbrechen der Besatzer zu dokumentieren.

          Die Gründung des Untergrundarchivs am 22. November 1940 unter dem Tarnnamen Oneg Schabbat, Freude am Sabbat, war eine welthistorische Tat im Bewusstsein, dass die Schrift auf lange Sicht stärker sein würde als die Barbarei. Mit einer Zeitkapsel nahmen die Opfer den Kampf um die Erinnerung auf. Historiographisch war Ringelblums Alltags- und Mentalitätsgeschichte vereinender Ansatz ultramodern. Nach dem Vorbild des Wilnaer YIVO-Archivs zur Erforschung der Kulturgeschichte des osteuropäischen Judentums sammelten die Mitarbeiter alles kulturgeschichtlich Aussagekräftige von Bekanntmachungen bis zu Aufklebern auf Waren, von Gedichten bis zu Tagebüchern. Die heute im Jüdischen Historischen Institut von Warschau aufbewahrte Sammlung umfasst etwa 30000 Blatt und gehört seit zwanzig Jahren zum Unesco-Weltdokumentenerbe.

          Die eindrückliche internationale Koproduktion „Das Geheimarchiv im Warschauer Getto“, unter Beteiligung von Arte und NDR entstanden, erzählt die Geschichte dieses Archivs von der Entstehung bis zur Wiederauffindung der vergrabenen Metallkästen und Milchkannen unter den Schuttbergen des niedergebrannten Gettos in den Jahren 1946 und 1950. Regie führte Roberta Grossman, eine auf die jüdische Historie spezialisierte Filmemacherin aus Los Angeles, die Erfahrung damit hat, beeindruckende Aktivisten so zu inszenieren, dass man sich emotional angesprochen und gut informiert fühlt, nie aber bevormundet. Zugrunde liegt hier die renommierte Studie „Ringelblums Vermächtnis“ des amerikanischen Historikers Samuel D. Kassow aus dem Jahr 2007 (deutsche Fassung 2010). Kassow ist auch im Experten-Interview zu sehen, wobei diese Einblendungen spärlich eingesetzt werden. Vorrangig sind (teils kolorierte) Originalaufnahmen und aufwendige Spielszenen, die zwar mit der üblichen Patina überzogen wurden, aber unaufdringlich wirken, weil sie für einen Dokumentarfilm ungewöhnlich nuanciert gespielt sind. Selbst das permanente Wechseln der Protagonisten zwischen dem Polnischen und dem Jiddischen wirkt authentisch.

          Den Hintergrund bildet die Geschichte des Warschauer Gettos selbst, eines der traurigsten und empörendsten Kapitel des zwanzigsten Jahrhunderts überhaupt. Um diesen Stoff und die harten Bilder zu ertragen – darunter solche von verhungerten Kindern, die auf Karren abtransportiert und auf große Haufen geworfen werden –, erzählt Grossman ihren Film aus der Perspektive einer der beiden Überlebenden der Archivmitarbeiter. Rachel Auerbach, eine akademisch gebildete Autorin und Historikerin, bis 1938 mit dem schillernden jiddischen Poeten Itzik Manger liiert, blieb auf Bitten Ringelblums 1940 in Warschau, obwohl sie die Ausreise schon geplant hatte. Angesichts der Greuel anfangs verstummt, begann sie im Spätsommer 1941 doch zu schreiben. Es sind solche Aufzeichnungen, die dem Film seine wuchtige Unmittelbarkeit verleihen: „Manchmal habe ich Angst, dass die Erinnerung an dieses schreckliche Leben hier, diese Bilder mit uns sterben werden, wie Bilder der Panik auf einem sinkenden Schiff. Also soll unser Schreiben Zeugnis sein.“ Erstaunlich lange schafften es die Bewohner des Gettos, die eigene Würde aufrechtzuerhalten, das Wenige, das es gab, zu teilen, mit Literatur und Musik dem Sterben etwas edel Menschliches entgegenzusetzen. Erst als bei den großen Deportationen in die Vernichtungslager gedungene jüdische Polizisten mit aller Härte gegen andere Juden vorgingen, zerbrach die Einheit.

          Die Berichte sind nun voller Wut auf diese „bitteren Früchte unter uns“. Nach dem Krieg finde sich so etwas nicht mehr, sagt Kassow. Als Akt der Würde und nicht nur der Verzweiflung erscheint hier wiederum der im April 1943 – viel zu spät, wie Ringelblum beklagt – losgebrochene Aufstand, der der Welt zeigen sollte, dass die Juden wussten, wie man ehrenvoll sterbe: „im Kampf gegen den Todfeind des jüdischen Volkes und der ganzen Menschheit“. Dass man von alldem weiß, ist zu guten Teilen ein Verdienst des ehrfurchtgebietenden Untergrundarchivs Oneg Schabbat.

          Das Geheimarchiv im Warschauer Ghetto läuft heute um 20.15 Uhr bei Arte, am kommenden Dienstag um 22.45 Uhr im Ersten.

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