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„Öl. Macht. Geschichte“ bei Arte : Läuft nicht mehr wie geschmiert

  • -Aktualisiert am

Noch wird gebohrt Bild: ZDF

Arte zeigt einen vorgezogenen Nachruf auf das Öl. Dass es langsam ernst wird mit dem Abschied, zeigt sich auch daran, wie ausgewogen Andreas Sawalls Bilanz ausfällt.

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          Eine glückliche Zukunft scheint möglich, „wenn der Mensch einen Weg findet, den schwarzen, grausamen Dämon anzuketten“, jene „böse Macht“, die „ganze Nationen in den Abgrund lockt durch Traum- bilder unverdienten Reichtums“. Dass in dieser wuchtigen Abrechnung mit dem Schmierstoff der globalen Wirtschaft dessen verheerende Klimabilanz noch nicht vorkommt, liegt daran, dass sie ein knappes Jahrhundert alt ist. Upton Sinclairs engagierter Roman „Oil“, der der Verbindung von industrieller Ausbeutung und kapitalistischem Schlaraffenland nachgeht (und nebenbei Paul Thomas Anderson zu seinem oscarprämierten Drama „There Will Be Blood“ inspirierte), erschien erstmals 1927. Da war die Ölindustrie bereits ein Menschenalter alt und hatte die Habgier in ungekannte Höhen getrieben. Es war zu ahnen, dass noch viel Blut für Öl fließen würde. So erklärt sich der Furor Sinclairs, der aus den zitierten Zeilen im letzten Absatz seines voluminösen Buches spricht.

          Lippenbekenntnisse reichen nicht

          Ähnlich resolut, wenngleich aus anderen Gründen, wirkt die Dämonisierung fossiler Brennstoffe in der Weltklimabewegung: Wer noch einen Verbrenner kauft, wird Stürme und Fluten über seine Nachbarn bringen. Da mag die böse Ahnung zugrunde liegen, dass das Ende der Öl-Ära von deren Profiteuren noch lange, allzu lange hinausgezögert wird. Zudem haben falsche Prognosen über die Erschöpfung der Vorräte dieses Zeitalter von Beginn an begleitet, während immer neue Ölfelder entdeckt, immer gefährlichere Methoden der Gewinnung entwickelt wurden. Wir sind wie Süchtige, die alles für ihren Stoff tun würden. Das Lippenbekenntnis, clean zu werden, ist die leichteste Übung.

          Operation „Ajax“ – US-Präsident Dwight D. Eisenhower und CIA-Direktor Allen Welsh Dulles planen zusammen mit dem britischen Geheimdienst den Sturz der iranischen Regierung.
          Operation „Ajax“ – US-Präsident Dwight D. Eisenhower und CIA-Direktor Allen Welsh Dulles planen zusammen mit dem britischen Geheimdienst den Sturz der iranischen Regierung. : Bild: ZDF

          Und doch scheint sich in jüngster Zeit die Einsicht durchzusetzen, dass der Abschied jetzt eingeleitet werden muss. In Norwegen hat das soeben die konservative Regierung zu spüren bekommen. Auch der heute auf Arte zu sehende, von Spiegel TV im Auftrag des ZDF produzierte Zweiteiler „Öl. Macht. Geschichte“ des auf historische Dokumentationen spezialisierten Regisseurs Andreas Sawall erweckt den Eindruck, der letzte Absatz der großen Öl-Erzählung sei erreicht, und das nicht nur, weil es so gesagt wird – „Die wichtigste Frage der Zukunft ist, wie schnell wir es schaffen, ohne das schwarze Gold auszukommen“ –, sondern auch, weil der Ton derart unaufgeregt ist. Die bis zu Edwin Drakes erfolgreicher Bohrung in Pennsylvania im Jahr 1859 (der Startschuss für den Bohrturm-Boom) zurückgehende Darstellung bemüht sich um eine Fairness, wie sie Nachrufe ziert.

          Segnungen der Moderne

          Sawall scheut sich also nicht, auch die Segnungen der industriellen Moderne und des Plastikzeitalters zu erwähnen. Ein Nylonstrumpf ist noch keine moralische Kapitulation, und die Begeisterung für die im Erdöl gespeicherte Energie hatte einmal etwas Rührendes. Zugleich befeuerte der Öl-Hunger der Industriestaaten den Spätkolonialismus. Gut fasslich aufbereitet werden hier all die kriegerischen Ausein- andersetzungen rund um den Rohstoff, von der Bombardierung der für Deutschland wichtigen Raffinerien in Rumänien im Zweiten Weltkrieg bis zu den Kriegen am Golf. Doch auch die unwahrscheinlichen Allianzen, die so begründet wurden, stimmen nicht unbedingt hoffnungsfroh, so etwa die zwischen den USA und Saudi-Arabien, deren Existenz sich, das ist zu lernen, Roosevelts Kultursensibilität verdankte (Churchill, um den Zugang konkurrierend, stieß die Araber vor den Kopf).

          Die Gemächlichkeit des Films hat auch damit zu tun, dass als kompetenter Hauptgesprächspartner der medienaffine Physiker Harald Lesch dient, zu dessen Markenzeichen eine professoral-protestantische Bräsigkeit gehört. Wenn er keine Statistiken zitiert, sagt er Sätze wie: „Beim Öl hört die Freundschaft auf.“ Die einzige Information, bei der sich der Film investigatives Raunen erlaubt – dass Shell, so zeigten es aufgetauchte Geheimdokumente, seit Mitte der achtziger Jahre alles über den Treibhauseffekt wusste –, ist bereits seit drei Jahren bekannt; und schon seit 2015 weiß man, dass es bei Exxon nicht anders war (was im Film gar nicht vorkommt).

          Doch ein archivbildtechnisch gut gemachter, informationsdichter Gesamtüberblick hat einen eigenen Wert und muss nicht mit Neuigkeiten glänzen. Im Zen- trum stehen die bedeutenden, bekannten Kapitel der „Öl-Macht-Geschichte“-Erzählung: John D. Rockefellers astronomischer Reichtum, den selbst die Zerschlagung der Standard Oil Company noch steigerte, die umständliche Herstellung von synthetischem Treibstoff aus Kohle in Nazideutschland, die von der CIA und dem MI6 gelenkte Absetzung des iranischen Premiers Mohammad Mossadegh nach dessen Verstaatlichung der Anglo-Iranian Oil Company, Machtproben der OPEC mit dem Westen nach dem Jom-Kippur-Krieg und dem ersten Golfkrieg (Ölpreisschock und Fahrverbote), die Entdeckung des Nordsee-Öls, Saddam Husseins Überfall auf Kuweit und dessen Folgen, das Fracking und der unzeitgemäße Aufschwung der amerikanischen Ölindustrie, der gegenwärtig mehr als überwunden scheinende Absturz der Branche durch die Corona-Pandemie (Supertankerstau auf den Weltmeeren).

          Noch interessanter sind freilich die Details am Rande dieser Entwicklung. So sehen wir dem später von den USA gejagten Rohstoffhändler Marc Rich dabei zu, wie er – mit dem Wissen aller Beteiligten – Erzrivalen miteinander verband, also etwa iranisches Öl an Israel lieferte, von wo es wiederum an das diktatorische Spanien Francos ging. Im Kampf ums Öl gerät einiges ins Rutschen, demokratische Werte, aber auch dogmatische Ideologien. Alles in allem hatten wir, das zeigt Andreas Sawall, eine ambivalente Beziehung zu diesem Dämon, der ganze Nationen verschlang, eine toxische, die sich häufig aber auch angenehm anfühlte. Es ist wohl gut, dass wir uns nun trennen.

          Öl. Macht. Geschichte läuft heute ab 20.15 Uhr in zwei Teilen auf Arte.

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