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Arte-Doku über Prince : Küss mich!

Hörte mitunter auch innere Stimmen: Der Ausnahmemusiker „Prince“ Bild: Arte

Musiker, Liebender, Verführer, Verführter und „Sexy Mother F*****“: Arte nähert sich dem Phänomen Prince. Dem Wesen des Musikgenies kommt der Film leider nicht auf die Spur. Interessant ist, was seine Band zu sagen hat.

          Um das Wesen (von) „Prince“ zu erklären, braucht es kaum mehr als sechs Minuten. Und eigentlich auch Prince selbst, der im April 2016 an einem mit Fentanyl gestreckten Schmerzmittel starb. Im Video zu seinem Song „Purple Rain“ (1984 auf dem gleichnamigen Album erschienen), dem klanglich und emotional vielleicht gewaltigsten Sägewerk der jüngeren Musikgeschichte, das er seinem Vater widmete, sieht man nach fünf Minuten und zehn Sekunden einen schwarzen Mann mit einer weißen Brille und einer Detroit-Tigers-Kappe auf dem Kopf. Der Schein der Bühnenbeleuchtung spiegelt sich in den Brillengläsern, während Prince ein Solo wie ein geschrienes Mantra auf seiner Gitarre spielt – als greife er nicht in die Saiten, sondern in die Struktur des Instruments und gleichzeitig in die Herzen der Zuhörer. Der Mann hält den Atem an, beißt sich auf die Unterlippe, nickt apathisch und scheint zu begreifen, dass er gerade nichts mehr begreifen muss. Auch als Zuschauer glaubt man: Es ist genau diese Situation, diese Randfigur, die Prince, sein Wirken und seine Wirkung zeigt.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Doku „Prince – Sexy Mother F*****“ von Oliver Schwabe (Buch und Regie) macht es erstmal anders. Hier werden, Rüschen, Schnörkel und Pathos abgeschnitten. Den Anfang macht der Jan Delay, der in Badelatschen und hochgezogenen Hanfmustersocken auf einem Stuhl auf dem Rasen sitzt und nüchtern hanseatisch feststellt: „Die Mucke von Prince ist die sexieste Musik, die es gibt. Es kann nicht sexier sein als Mucke von Prince.“ Kann man wohl sagen.

          Zugleich steht der Musiker aus Minneapolis mit seinen jedes Rollenverständnis unterlaufenden Auftritten immer auch über seinen Songs, in denen es zwar oft um alle möglichen Sextechniken geht, die aber dennoch spirituelle Dimensionen haben. Prince Rogers Nelson, dessen Vater ihn nicht ans Klavier ließ, weil der Sohn nicht gut sei, hat sich an allen Aspekten der Liebe besoffen. In der Popmusik war er in seiner heiligen Uneindeutigkeit eine Trickstergestalt wider jede Konvention. Das macht die Dokumentation mit einfachen Mitteln deutlich: Aufnahmen aus Live-Konzerten und Musikvideos aus vier Dekaden werden so montiert, dass der kontinuierliche Wandel des Künstlers sichtbar wird.

          Die Interviews, bei denen ehemalige Band-Mitglieder wie der erste Bassist André Cymone, die Schlagzeugerin und Lebensgefährtin Sheila E. oder der Keyborder Morris Hayes befragt werden, sind zwar oft unergiebig, gewinnen aber an einigen Stellen durch ihre Emotionalität. Vor allem Cymone geht das Sprechen über seinen Freund Prince nahe – und man nimmt es ihm ab. Reich bebildert sind die frühen Jahre der Karriere. Bei seinem Fernsehdebüt sieht der neunzehnjährige Prince aus wie ein Statist aus „Raumpatrouille Orion“. Später springt er in Trenchcoat, String-Tanga und Overknee-Stiefeln über die Bühne, so wie er auf dem Album „Dirty Mind“ (1980) abgebildet ist. Prince selbst kommt außer mit seinen Songs selten zu Wort. Einmal, da war er schon den Zeugen Jehovas beigetreten, erklärt er schelmisch, warum er seinen Namen in ein „unaussprechliches Symbol“ änderte. Seine innere Stimme habe es ihm befohlen. Zugleich könne er dadurch außerhalb seines Knebelvertrags mit Warner Musik machen.

          Am nächsten kommt die alles in allem mediokre Doku dem Tausendsassa bei einem Ausschnitt der Show „American Bandstand“, in der Prince seinen ersten Fernsehauftritt bestreitet. Da fragt der Moderator Dick Clark den flaumbärtigen Prince, wie viel Instrumente er spielt. Der macht eine lange Pause, blickt schüchtern ins Publikum und sagt dann: „Tausende“.

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