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Doku über Atomwaffen bei Arte : Das neue Gleichgewicht des Schreckens

  • -Aktualisiert am

Museal, aber noch funktionsfähig: Eine Atomrakete für Übungszwecke der Nationalen Volksarmee. Bild: © CSTV/Andreas Orth

Eine Dokumentation bei Arte analysiert die Gefahr eines neuen atomaren Wettrüstens. Sie fällt kritisch gegenüber den Vereinigten Staaten aus, der Blick auf Russland ist getrübt.

          2 Min.

          Die Neunziger, so zeigt es der Film „Der neue Kalte Krieg“ mit vielen Archivaufnahmen, waren rückblickend eine Zeit globaler Friedensabsicht. Nicht nur wegen des politischen Klimas, auch aus wirtschaftlichen Gründen standen die Zeichen zwischen den Großmächten auf Vertrauen. China wurde noch nicht als Global Player wahrgenommen. Von Europaskepsis keine Spur. Im Hunsrück wurde ein atomsicherer Bunker, Stationierungsort für Cruise Missile-Mittelstreckenraketen, aufgelassen und zum Techno-Festivalgelände umfunktioniert. Ausgelassen tanzende Menschen in Stroboskoplicht getaucht, genau dort, wo man sich zuvor hochgeheim auf den Ernstfall eines Dritten Weltkriegs vorbereitete: Diese Bilder wirken auch auf Nachgeborene, für die die deutsche Teilung wie eine Mär aus ferner Vergangenheit scheint, sprechend.

          Auf der anderen Seite, jenseits des nun beiseite geschafften „Eisernen Vorhangs“, sieht man in diesem Film Touristen, die ein außer Dienst gestelltes russisches Atom-U-Boot besichtigen. Verschrottetes Kriegsgerät als harmlose Vergnügungsattraktion – entgegengestellt werden Aufnahmen vom Nato-Manöver in Litauen im Sommer 2018. Hier demonstrieren auch Soldaten der Bundeswehr ihre Bereitschaft, die baltischen Staaten gegen einen möglichen russischen Einmarsch zu verteidigen. Eine französische Infanteriekompanie probt den Krieg. Die Lage an der Übungsfront ist übersichtlich. Die Aktionen der Soldaten sehen, zumindest im Film, nach Risiko-Strategiespiel aus. Im Ernstfall, so Experten, wäre es unmöglich, die baltischen Staaten durch Nato-Bodentruppen zu verteidigen.

          Die Harmlosigkeit, die die veröffentlichten Videos des Manövers suggerieren, täuscht aber. Die Vorstellung eines neuen „Gleichgewicht des Schreckens“ durch Wettrüsten scheint sich zurzeit aus der sicherheitspolitischen Mottenkiste zu erheben. Der materialreiche Film von Andreas Orth diskutiert in diesem Zusammenhang auch die Möglichkeit einer deutschen Atombombe (unwahrscheinlich) und europäischer Atomwaffen (unter französischer Beteiligung schon eher möglich). Orth zieht anschaulich die großen Linien der westlichen sicherheitspolitischen Konzepte nach. Weder die russische Seite noch das Klein-Klein etwa deutscher Parteipolitik spielen eine größere Rolle. Sein Buhmann ist, nicht zu Unrecht, Präsident Trump, der die von den Präsidenten Reagan und Gorbatschow Ende der achtziger Jahre ausgehandelten INF-Verträge zur Ächtung und Vernichtung nuklearer Mittelstreckensysteme gekündigt hat. Russland breche die Abkommen seit Jahren, nun reagiere man. Dass in diesem Zusammenhang im Film die russische Seite ausgespart bleibt, und selbst die Annektierung der Krim keine Rolle spielt, verleiht „Der neue Kalte Krieg“ eine leichte Schieflage.

          Ein ehemaliges Atomraketen-Silo auf dem südfranzösischen Plateau d`Albion.

          Bestätigt und reflektiert wird seine Darstellung eines neuen gefährlichen Wettrüstens auf beiden Seiten jedoch durch zahlreiche unterschiedliche Experten wie etwa den Vorsitzenden der Münchner Sicherheitskonferenz Wolfgang Ischinger. Man kann dem Film zugute halten, dass er die trockene Materie - abgesehen von störendem alarmistischem Pianogeklimper - nicht durch Emotionalisierung zu verdeutlichen versucht, sondern mit Seriosität punktet.

          „Der neue Kalte Krieg“ referiert die relevanten Verträge, zeichnet Grundzüge der neuen sicherheitspolitischen Strategie des Pentagon von 2018 nach und stellt die Gefahren „lokal beherrschbarer“ kleiner Atomwaffen mit angeblich präziser Zielwirkung dar.  Der am 12. September 1990 in Moskau unterzeichnete „Zwei-plus-Vier-Vertrag“, der die Wiedervereinigung Deutschlands besiegelte und das Verhältnis zwischen den Siegermächten des Zweiten Weltkriegs und der beiden deutschen Staaten regelte, ist rückblickend auch Ausdruck eines aktuell vergangenen Zukunftsoptimismus. Der Kalte Krieg, das Wettrüsten zwischen den Weltmächten, war damals vorbei. Dass Frieden nicht nur immer wieder gewonnen werden muss – eine Binse -, sondern dass man als Staatsbürger auch die Entwicklungen der Sicherheitskonzepte und -aktivitäten aufmerksam begleiten sollte, zeigt „Der neue Kalte Krieg“ informativ.

          Der neue Kalte Krieg - Mehr Atomwaffen für Europa?, heute, Dienstag 5. Februar, um 22.35 Uhr bei Arte.

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