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„Unsere Zeit“ bei Arte : Was von der offenen Ehe übrig bleibt

  • -Aktualisiert am

Esther (Natalia López) behält das Wesentliche für sich. Bild: Š Mantarraya/Diego Garcia

Wilde Natur, freie Liebe, Neid, Eifersucht, Besessenheit: Arte zeigt das dreistündige Filmepos „Unsere Zeit“ von Carlos Reygadas.

          3 Min.

          Im zentralmexikanischen Hochland liegt das Paradies der Passionen, das sich die Eheleute Juan (Carlos Reygadas) und Esther (Natalia López) vor fünfzehn Jahren geschaffen und seither am Leben gehalten haben. Mächtige Bergketten in der Ferne lassen den Horizont fast unbegrenzt wirken. Davor ihre Natur, zumeist ohne Zäune, ausgedehntes Weideland, Stauseen, Lehmkuhlen, wie geschaffen für sommerliche Schlachten der kleinen Mädchen und Jungs, Wälder mit lauschigen Senken, in denen die Jugendlichen erste sexuelle Erfahrungen machen und Gefühlsverwirrungen durchleben.

          Die Bullenfarm, auf welcher der – weltberühmt genannte – Schriftsteller und Farmer Juan und seine Frau, als Tierärztin mit Kreatürlichkeit vertraut, ihre Kinder in großer Freiheit aufwachsen lassen, ist Anziehungsort vieler Menschen. Landarbeiter, Cowboys, Freunde und Verwandte, Künstlerclique. Blutigen Stierkampf trainieren die Landbesitzer-Eheleute zu Beginn als Kunst des Zusammenspiels. Hier scheint ein Traum von der freien Weltbegegnung verwirklicht. Landstraßen führen die Autarken hinaus nach Mexiko-Stadt mit seiner Architektur, mit Kulturveranstaltungen und dem Anschluss an den Zeitablauf der Zivilisation. Beide, Natur und Künstlichkeit, bleiben in Carlos Reygadas beim Filmfestival von Venedig uraufgeführtem Film „Unsere Zeit“ („Nuestro Tiempo“, 2018) fruchtbar aufeinander bezogen, solange Kommunikation als Mittel der Verbindung funktioniert. Die Vertreibung aus dem Paradies beginnt mit der Sprachlosigkeit als Folge einer Irritation der Leidenschaft.

          Natur und Ehe

          Arte zeigt „Unsere Zeit“, ein gewaltiges knapp dreistündiges Filmepos im Breitwandformat, das zwischen Selbstbezüglichkeit und allgemeinphilosophischer Reflexion über die Natur der Ehe und der Gefühle szenisch forscht, im spanischen Original mit deutschen Untertiteln. Die Fremdheit der gehörten Sprache – sofern man im Spanischen nicht zu Hause ist – beschränkt sich nicht auf ein Idiom allein. Phil (Phil Burgers), zum Einreiten der Pferde angeheuert, spricht Englisch. Verständigung, Liebe gar, wird auch als Problem der Sprachenvielfalt erzählt. Juan, Tausendsassa der Selbstverwirklichung, scheint in allen Sprachen gleichermaßen zu Hause. Dass Esther und er eine offene Beziehung führen, dass sie mit Phil schläft, gehört für Juan zu den Selbstverständlichkeiten ihrer Ehe. Aber auch hier gibt es Irritationen. Bald zeigt sich, dass die Grenze seiner Toleranz die Grenze ihrer Verschwiegenheit ist. Esther verändert sich, zieht sich zurück, teilt ihre Erfahrungen nicht mehr mit ihm. Und Juan reagiert mit bohrenden Fragen, mit Vorwürfen, Eifersucht, mit Nachspionieren und versucht, Phil als Komplizen der offenen Beziehung mit in sein eigenes Passionsspiel zu ziehen. Esther fühlt sich zweifach hintergangen. Seit Jahren scheinbar Einfaches – jeder schläft mit jedem, ohne dass es etwas bedeutet – wird kompliziert.

          Von dem Hauptdarsteller Carlos Reygadas stammt nicht nur das Buch, sondern auch die Inszenierung, die jede Natureinstellung mit existenzieller Bedeutung auflädt. Ein wild gewordener Stier tötet ein Maultier, das nicht ­fliehen kann, weil die Arbeiter es vor den Futterkarren gespannt haben. Junge Bullen bekämpfen einander ohne Sinn für die Gefahr am Rand eines Abhangs. Bilder kriechen vom Fahrersitz eines Autos Richtung Motor und weiter zur Radaufhängung wie durch Maschinen-Gedärm. Während der Uraufführung einer Paukensinfonie in Mexiko-Stadt verfolgen die Bildausschnitte die ausführende Komponistin und den außer sich geratenden Dirigenten und kommen erst auf einem modernen Bleiglasfenster-Kunstwerk zum Stillstand (Kamera Diego García, Adrián Durazo). Symbolik, wohin man zu schauen geleitet wird. Gesteigert im Egoschmerz und der Liebesobsession der Figur Juan.

          Während die Kinder zu Beginn wie aus dem Lehm der Spielgrube zu wachsen scheinen und bei den Jugendlichen das Begehren und die Verstohlenheit ohne Poesie-Sublimierungen gleich zu Liebesleid führen, erweisen sich die Unabhängigkeitsvereinbarungen von Juan und Esther als Lüge der intellektuellen Bequemlichkeit. Schmerzliche Szenen einer offenen Ehe zeigt „Unsere Zeit“ mit einer Konsequenz, die sich aus der Auseinandersetzung von Natur und Zivilisiertheitsanschauungen, von Freiheits- und Treuebegriffen ergibt. Wen es interessiert: Dass Reygadas und Natalia López auch im echten Leben ein Paar sind und dass ihre Kinder hier ihre Kinder spielen, mag „Unsere Zeit“ zusätzlich spannend machen. Autofiktion trifft Natursymbolik. Am angemessensten wirkt dieser Film auf einem sehr großen Bildschirm.

          Unsere Zeit läuft um 22.35 Uhr bei Arte.

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