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TV-Doku über die Mafia : Geldwäsche in Germania

Bargeld haufenweise: Die ’Ndrangheta verschiebt ihr Kapital bevorzugt in 500-Euro-Scheinen. Bild: © Sven Stölting

Gemordet wird in Italien, das blutige Geld legen die kriminellen Familien dann in Deutschland an: Arte zeigt in einer Dokumentation, welche Kreise die Mafia in Europa zieht. Sie ist überall.

          2 Min.

          Im Hafen von Gioia Tauro, wo die rotweißen Containerkräne turmhoch in den azurblauen Himmel Kalabriens ragen, beginnt die Eroberung Europas. Hier schmuggelt die ’Ndrangheta, die italienische Mafiaorganisation, die mit einem geschätzten Jahresumsatz von fünfzig Milliarden Euro der sizilianischen Cosa Nostra längst den Rang abgelaufen hat, tonnenweise jenen Stoff an Land, auf dem ihr Reichtum und ihre kriminelle Macht gründen: Kokain. Und von hier aus setzt sie ins Werk, was der Mailänder Kriminalsoziologe Nando dalla Chiesa in diesem Film die „Kolonisierung“ des Kontinents durch das organisierte Verbrechen nennt und der kalabrische Staatsanwalt Nicola Gratteri, der seit Jahrzehnten unter Polizeischutz steht, eine Bedrohung für die Demokratie - gerade in Deutschland.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Denn nördlich der Alpen findet die ’Ndrangheta, wie die beiden Dokumentaristen Max Löschner und Edgar Wolf von ihren Gesprächspartnern in ihrem Film „Operation Weiße Weste - Der Vormarsch der Mafia in Europa“ erfahren, weit bessere Voraussetzungen für die Lösung ihres größten Problems als in Italien. Wer den Welthandel mit der weißen Substanz mit beherrscht, die sich etwa auf dem Mailänder Domplatz hundertmal teurer verkaufen lässt, als Drogenbroker sie in Kolumbien gekauft haben, der muss sich keine Gedanken mehr über Gewinne machen. Der sucht nach Wegen, sein schmutziges Geld zu waschen und in saubere Geschäfte zu investieren, die legale Wirtschaft zu unterwandern und die Verwaltung sowie die Politik gleich mit dazu, um sich immer neue, größere Spielräume zu erobern.

          Kokain und Bargeld

          Ganz diskret. Geldwäsche und Bestechung erregen weniger Aufmerksamkeit als Entführungen oder öffentliches Blutvergießen. Mafia-Morde wie die von Duisburg 2007 behindern eher das Geschäft. Das läuft hinter den Kulissen ab. Wo und wie, wollen Löschner und Wolf aufzeigen und haben sich auf eine Reise von Süden nach Norden begeben. Von der Spitze des italienischen Stiefels führt sie nach Mailand, wo die Mafia sich Expo-Bauaufträge sichern wollte, nach Nizza, wo sie im Verein mit russischen Oligarchen Geschäfte abwickelt, weiter ins Allgäu, das eine deutsche `Ndrangheta-Hochburg ist, bis an den Frankfurter Flughafen. Was Gioia Tauro für das Kokain ist, ist dieser für den Bargeldschmuggel. Die Dokumentarfilmer haben mit Mafiajägern und Zollbeamten gesprochen, mit Hinterbliebenen von Opfern der ’ndrangheta, mit Polizisten und einer Staatsanwältin in Deutschland, einer französischen Journalistin und einem italienischen Reporter, der wie Gratteri nur noch begleitet von Leibwächtern das Haus verlassen kann, weil Mafiosi ihn mit dem Tode bedrohen.

          „Ich war seit dreißig Jahren nicht mehr im Kino“: Staatsanwalt Nicola Gratteri lebt unter Polizeischutz.

          Es ist ein Roadmovie auf den Spuren verdeckter Geldströme, mit Blicken in Gesichter von Menschen, in denen oft Ratlosigkeit steht, weil die gesetzlichen Regelungen oder die Ermittlungsergebnisse nicht ausreichen, um zu fassen, was mit Händen zu greifen ist: dass etwa der Gebrauchtwarenhandel in einer deutschen Provinzstadt tatsächlich eine Geldwäschemaschine ist und die beiden Bankmitarbeiterinnen, deren Beobachtungen über Unregelmäßigkeiten nicht zu Ermittlungen, sondern zu ihrer Entlassung führten, kriminellen Machenschaften im großen Stil auf der Spur waren.

          Wer die Bücher des Mafia-Rechercheurs Roberto Saviano oder der Journalistin Petra Reski kennt, wird nichts substantiell Neues in dieser knapp einstündigen Doku entdecken. Aber zahlreiche neue Beispiele für bekannte Missstände. In Italien können die Behörden Besitz beschlagnahmen, von dem ein Verdächtiger nicht nachweisen kann, auf welchen Wegen er ihn erworben hat. In Deutschland liegt die Beweislast bei den Ermittlern. Welche Auswirkungen das hat, kann nicht oft genug dargelegt werden, bis es sich vielleicht irgendwann doch ändert.

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