https://www.faz.net/-gqz-8zj2j

Doku zu O.J. Simpson bei Arte : Sie ließen ihn laufen

Im Mordprozess sprachen die Indizien gegen ihn: O. J. Simpson. Bild: ESPN

Die Indizien sprachen gegen den einstigen Football-Star, doch er wurde des Mordes an seiner Ex-Frau und deren Freund freigesprochen: Arte zeigt den spektakulären, oscarprämierten Film „O.J.: Made in America“.

          Die Geschichte des Football-Spielers, Filmstars und Lebemanns O.J. Simpson gilt heute als die „echte amerikanische Tragödie“ schlechthin. Ein Mann, der sich in den sechziger und siebziger Jahren als Schwarzer aus ärmsten Verhältnissen nach oben kämpft und – obwohl er zeit seines Lebens auf sich selbst fixiert zu sein scheint – noch in seinem Niedergang von allen geliebt wird. Eine Geschichte, die darin gipfelt, dass Simpson auf der Anklagebank sitzt, weil er – die Beweislast ließ kaum einen anderen Schluss zu – verdächtigt wird, seine Ex-Frau Nicole Simpson und ihren Freund Ron Goldman brutal ermordet zu haben. Er wurde freigesprochen.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Am 9. Juli wird Orenthal James Simpson siebzig. Arte nimmt dies zum Anlass, die Dokumentation „O.J.: Made in America“ des Regisseurs Ezra Edelman zu zeigen. Im Auftrag des amerikanischen Sportsenders ESPN hatte Edelman 2016 sein dokumentarisches Epos von siebeneinhalb Stunden angelegt, für das er in diesem Jahr einen Oscar erhielt. In der Zeitschrift „Atlantic“ beschreibt der Reporter und Schriftsteller Ta-Nehisi Coates, den Moment der Erkenntnis, die Edelmans Dokumentation über Simpsons Leben bei ihm ausgelöste. Als Simpson 1994 angeklagt ist und seine Verteidiger darauf beharren, er werde in erster Linie verdächtigt, weil er schwarz ist, hatte der damals neunzehnjährige Coates dafür „null Verständnis“: „O.J. Simpson war nicht schwarz.“ Simpson sei zwar in der Zeit aufgewachsen, zu der Muhammad Ali sich weigerte, in den Vietnamkrieg zu ziehen – „No Vietnamese ever called me nigger“ – und zu der die amerikanischen Sprinter John Carlos und Tommie Smith bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko-Stadt während der Siegerehrung mit ihren erhobenen Fäusten gegen die Unterdrückung der Schwarzen protestierten. Doch der O.J. Simpson, den er gekannt habe und der in Edelmans Film so ergreifend dargestellt werde, „erkannte nur einen Kampf an – den Kampf, O.J. Simpson voranzubringen.“

          Bild aus seinen besseren Tagen: O. J. Simpson auf dem Football-Feld.

          Simpson läuft und läuft und läuft. Er will alles, was er tut, gut, richtig und vor allem schnell erledigen – „damit die Leute sagen, hey, da kommt O.J.“ In den ersten Teilen seiner Dokumentation bannt Edelman das Motiv dieses scheinbar unaufhaltbaren Laufs an die Spitze der weißen amerikanischen Gesellschaft in nicht nur für Football-Fans atemberaubende Bilder: Selbst wenn er eigentlich schon gar nicht mehr auf den langen, athletischen Beinen sein dürfte, läuft Simpson allen Widersachern davon.

          Es ist, als hätte Edelman Budd Schulbergs Roman „What Makes Sammy Run?“ – in dem der jüdische Junge Sammy Glick den Aufstieg aus New York’s Lower East Side schafft, indem er an allen vorbeizieht ohne sich umzusehen –, mit O.J. Simpson in der Hauptrolle verfilmt. Beide Protagonisten interessieren sich nicht dafür, wo sie herkommen, sondern allein dafür, wohin es sie tragen könnte. So wirkt es auch, wenn Edelman Freunde und Wegbegleiter zu Wort kommen lässt. Noch heute sind sie voll ehrlicher, fast nostalgisch anmutender Bewunderung. Im gleichen Atemzug jedoch erzählen sie lächelnd, wie O.J. Simpson sie, wenn es hart auf hart kam, alleinließ, um seine eigene Haut zu retten. Trotzdem hielt ein Großteil der schwarzen Gemeinschaft 1994 zu ihm.

          Viele, die beim Mordprozess in der Jury saßen, hatten nicht nur eingedenk des schlechten Rufs des gewalttätigen Los Angeles Police Departements das Gefühl, in dem Mordfall gehe es nicht um Recht, sondern um Rasse. Doch Edelman lässt sich viele Stunden Zeit, bis er diesen Bogen schlägt. Nur ganz am Anfang sieht der Zuschauer O.J. Simpson, wie er heute lebt: im Gefängnis. Er wurde wegen eines Raubüberfalls, der nichts mit dem Mord an Nicole Simpson und ihrem Freund zu tun hat, zu mindestens neun Jahren Haft verurteilt, die er im Lovelock Correctional Center, einem Gefängnis in Nevada, absitzt. Sein Freund Joe Bell wird später sagen: „Er wurde von der weißen Gesellschaft verführt.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Roboter und Algorithmen übernehmen immer mehr unserer Arbeit, deswegen muss sich auch die Art der Altersversorgung ändern.

          Die DigiRente : Neue Altersvorsorge für die digitale Ära

          Wie die Menschen beim Einkaufen zu Anteilseignern digitaler Maschinen und Algorithmen werden und damit sinnvoll Altersvorsorge betreiben und Vermögen bilden können. Ein Gastbeitrag.

          „Tatort“ aus Dresden : Echte Kommissarinnen stehen zusammen

          Ein spektakuläres Verbrechen, ein Chef, dem die Nerven durchgehen, und zwei Ermittlerinnen mit Durchblick: Das neue Team des „Tatorts“ aus Dresden wird sich so rasant einig, dass man nur staunen kann.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.