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Arte-Dokumentation „112 Hochzeiten“ : Das Leben geht fremd und kommt nicht zurück

  • -Aktualisiert am

Aller Anfang ist heiter: Galina und David bei ihrer Hochzeit an einem Strand von Mexiko. Bild: © Doug Block

Da sitzen die Traumpaare nun, Jahre später, und reden über unerfüllte Erwartungen, Naivität und Depressionen. Eine lehrreiche Langzeitstudie über die Ehe: „112 Hochzeiten“ zeigt Paare und ihre Glückssuche im Lauf der Zeit.

          Als der Amerikaner Doug Block ein junger Dokumentarfilmer war, der von seiner Arbeit noch nicht leben konnte, drehte er Hochzeitsvideos. Es war zwar kein anspruchsvoller, aber ein einträglicher Nebenjob, denn natürlich ließen sich die Paare die Begleitung durch die Kamera an einem der wichtigsten Tage ihres Lebens etwas kosten. Und natürlich ließen sie den Kameramann auch besonders nahe an sich heran. Nach einigen Dutzend Videos merkte Doug Block daher, dass der schönste Augenblick bei einer Trauung für ihn nicht der ist, in dem sich die Braut zum ersten Mal vor der Hochzeitsgesellschaft zeigt.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Sondern die vielen kleinen Momente, die diesem Augenblick vorausgehen - wenn sich beispielsweise eine Braut mit Lockenwicklern im Haar über einen Haufen Zettel mit To-do-Listen beugt; wenn eine andere versucht, ihre nervositätsbedingte, leider völlig uncoole Schnappatmung in den Griff zu bekommen; und wenn ein Bräutigam beim letztlich ergebnislosen Fummeln an seinem Krawattenknoten verrät, dass er eigentlich keine Ahnung hat, worauf er sich hier gerade einlässt.

          Genau das war denn auch die Frage, die sich Doug Block irgendwann stellte. Er wollte wissen, was aus all den Paaren geworden war, die er einst in so hoffnungsfrohem Zustand gefilmt hatte. Und auch wenn diese Frage natürlich zu den ältesten der Welt gehört, an der sich nicht nur Filmregisseure, sondern auch eine sehr stattliche Zahl von Schriftstellern seit Jahrhunderten abarbeitet, ist es doch immer wieder interessant, nach Antworten zu suchen.

          Altbekannte Probleme

          Das zeigt auch der Film „112 Hochzeiten“, den Doug Block über diese Suche gedreht hat und mit dem es ihm dann doch noch gelungen ist, seine ursprünglich für private Zwecke gedrehten Hochzeitsvideos in einen echten Dokumentarfilm einfließen zu lassen. Seine Idee war einfach: Jahre, mitunter sogar Jahrzehnte nach der Hochzeit traf er acht Paare (oder das, was von ihnen übrig ist) wieder, um zu erfahren, was die Zeit aus ihnen gemacht hat.

          Da sitzen sie nun, meist auf bequemen Sofas, mal enger, mal weiter auseinander: Jenn und Augie, seit acht Jahren verheiratet, berichten, wie ein zu kleines Apartment in Brooklyn und schlaflose Nächte nach der Geburt des Kindes sie fast auseinanderbrachten; Olivia und Dennis erzählen neun Jahre später erst etwas von einer Hütte am Strand von Mexiko und einer Tochter Lily, bevor sie mit der Wahrheit herausrücken - dass ihre Tochter nämlich im Alter von drei Jahren an Krebs erkrankte und ihr Leben seitdem einem Albtraum gleicht, in dem sie „manchmal“ auch glücklich sind; Sue wiederum berichtet nach neunzehn Jahre Ehe, warum sie jetzt allein an ihrer „marmorierten Arbeitsplatte aus Granit“ sitzt - weil nämlich Steve irgendwann sagte, dass er nicht mehr glücklich sei, was im Klartext meinte, dass er längst eine andere hatte. Und so geht es weiter.

          Man hört viel von unerfüllten Erwartungen, auch von Naivität, von Babys, viel Arbeit, Krankheiten, Depressionen und Suizidgedanken. Und man ist angesichts dieser Bekenntnisse auch keineswegs überrascht, weil keines der Probleme auch nur im Ansatz irgendwie neu ist. Aber in der Art, wie sie hier vorgetragen werden, wie die Ehepartner über sie sprechen, wie sie vor laufender Kamera teils vergeblich versuchen, einen gemeinsamen Nenner für das zu finden, was öffentlich gemacht und was privat bleiben soll, zeigt sich einmal mehr, warum die Ehe ein so unerschöpfliches Thema ist. Die Suche nach Lösungen kann hier eben nie mehr als eine Annäherung sein. Und genau deswegen wird auch dieser Film nicht langweilig.

          Paare zwischen Missverständnis und Wertschätzung

          Die Spannbreite von ehelichem Pragmatismus, die Doug Block auffächert, ist denn auch tatsächlich beeindruckend. Und manchmal, wenn etwa Tom, der seit elf Jahren mit Yoonhee verheiratet ist, erzählt, dass er abends eigentlich gerne Hamburger esse, sich aber auch mit Kotelett zufriedengebe, wenn das eben auf dem Teller liege, ist sie auch lustig. Immer wieder gelingt es Block jedenfalls durch die schnelle Gegenüberstellung von Sequenzen aus seinen Hochzeitsvideos mit Szenen, welche die Paare einige Jahre später zeigen, eine Spannung zu erzeugen, die, weil sie auf einem sehr starken Kontrast beruht, im Leben zwar selten vorkommt.

          Die aber einem Film, der sein Sujet mit ästhetischen Mitteln darstellen muss und darf, als dramaturgischer Dreh- und Angelpunkt natürlich in die Hände spielt. Dass die Dinge durch dieses Verfahren zuweilen in einem heitereren Licht erscheinen, als ihnen in Wahrheit zustehen mag, möchte man deswegen gerne verzeihen. Auch dass die Menschen auf die von Block oft gestellte Frage, warum man überhaupt heiratet, eigentlich keine überzeugende Antwort finden, spielt letztlich keine Rolle mehr. Denn allein ihnen dabei zuzusehen, wie sie sich gegenseitig ins Wort fallen, wie sie sich beäugen, unterstützen, missverstehen und auch schätzen, ist ein Vergnügen, das für sich selbst steht und keiner weiteren Erklärungen bedarf.

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