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„Ich liebe euch“ bei Arte : Bonjour Liebestollheit

  • -Aktualisiert am

Drei ist keiner zu viel: Olivier Barthélémy, François Vincentelli und Julia Faure (von links) spielen im Terzett. Bild: Arte

Im Lande von Truffaut, Rohmer und Chabrol hält man das Begehren noch in Ehren: Arte zeigt Clément Michels leicht tapsige, wunderbar französische Dreieckssymphonie „Ich liebe euch!“.

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          Olà là, la France! Vor drei Jahren hat die bretonische Elektropop-Chanteuse Yelle mit „Complètement fou“ einen Hit gelandet. Im Video dazu reitet sie, umtanzt von heißen Garçons, auf einem riesigen Maiskolben, was so verboten aussieht, dass in jedem anderen Land die Anti-Sexismus-Beauftragten schon in Ohnmacht gefallen wären, bevor die Sängerin auch noch ihr Gesäß zum Trommelsolo anbietet. Die turbofranzösische Miniserie „Ich liebe euch!“, eine das Leben feiernde Patchwork-Komödie, die immer wieder Yelles Verrücktheitshymne in Szene setzt (die Sängerin, die eigentlich Julie Budet heißt, spielt sogar eine Nebenrolle), streckt der neuen Prüderie ebenfalls den Allerwertesten entgegen. Arte scheint sich davor so sehr zu fürchten, dass vorab gewarnt wird, einige Passagen könnten empfindsame oder junge Zuschauer schockieren.

          Mehr als einige harmlose Nacktszenen sind freilich gar nicht enthalten. Es ließe sich allenfalls als sehr französisches Verständnis von „Me too“ interpretieren, wenn das wilde Liebesleben eines Kollegen eine ältere Klinikärztin (Catherine Salée) dazu animiert, noch vehementer einem hübschen jungen Angestellten nachzusteigen – der es freilich nicht bereut, den Avancen nachzugeben. Doch darum geht es mitnichten in diesem Film nach einem Buch von Olivier Joyard und Jérôme Larcher, sondern vielmehr um die lieben Liebesnöte des erwähnten Kollegen, und die sind bis in die Dialoge so alltäglich, dass man sich wundert, wie frisch sie herüberkommen, zumal die Regie von Clément Michel nicht selten an flapsig romantische Vorabendserien erinnert. Et bien sûr, welche Frau fiele in der Notaufnahme nicht in Ohnmacht angesichts der Behandlung von François Vincentelli, der hier einen adretten Arzt namens Hector mimt?

          Ein klassischer Fall von Liebesblödigkeit

          Diesen selbst wundert es übrigens am meisten, dass seine Jugendfreundin Louise (Julia Faure) mit einer denkbar offenherzigen Begrüßung Begehren in ihm weckt. Schließlich hatte er sich viele Jahre lang für schwul gehalten, nicht für bisexuell. Hector lebt zusammen mit seinem Partner Jérémie (Olivier Barthélémy) und der lesbischen Freundin Anna (Camille Chamoux), und er denkt gar nicht daran, nun an diesem Lebensglück zu rütteln, das gerade mit einem gemeinsamen Kind gekrönt werden soll. Er kann die Finger aber auch nicht von der verführerischen, also bald ebenfalls schwangeren Louise lassen: ein klassischer Fall von Liebesblödigkeit, wenn auch weit jenseits dessen angesiedelt, was man etwa in der CSU für properes Familienterrain hält.

          So sehen die werdenden Eltern aus: Olivier Barthélémy, Camille Chamoux und François Vincentelli (von links) üben sich im Disput.

          Des einen Verwirrung erfüllt andere mit Neid. Nicht ganz unrealistisch will Hector auf keine der beiden Liebschaften verzichten, redet sich aber ein, er wolle nur niemanden verletzen. So beginnt ein stressiges Doppelleben mit allerlei erwartbaren Komplikationen, Notlügen und haarscharf verhinderten (Slapstick-)Zusammentreffen. Und doch muss der Schwindel irgendwann auffliegen, zumal sich die oft vertrösteten Partner allmählich selbst die Schuld an Hectors Unausgeglichenheit geben. Der schließlich erfolgende Bruch wirkt nachvollziehbarer als etwa die Handlung von Tom Tykwers nicht unähnlichem, aber angestrengt programmatischem Film „Drei“.

          Dass wir uns in Frankreich befinden, merkt man auch daran, dass Schwangere rauchen, Champagner schlürfen und Rohmilchkäse futtern, während die Männer aus dem Sockenaufhängen eine Wissenschaft machen: immer über zwei Stangen. Das hätte François Truffaut, Éric Rohmer und Claude Chabrol wohl ebenso gefallen wie die edle Gefasstheit dieser Figuren, die allem Menschlichen mit Nachsicht begegnen. Selbst auf dem Tiefpunkt sind sie sämtlich liebenswert, fair und charmant, und so fällt Hector zwar, aber er fällt weich.

          Mit seinem Namensvetter, dem tragischen Hektor Homers, hat er nur gemein, ein Liebling der Götter zu sein und (auch) Männer zu lieben. Wäre es hier um einen brutalen Krieg gegangen, bei dem die Leiche des Helden zwölf Tage lang um ein Grab geschleift worden wäre, hätte wohl auch niemand eine Warnung vorangestellt: Gewalt gilt als unproblematisch. Eine reizende Liebeskomödie mit utopischem Finale, die nur minimal von immer noch dominanten Beziehungsvorstellungen abweicht, scheint dagegen die Jugend zu bedrohen. Man kann nur hoffen, dass unsere komplett liebesverrückten Nachbarn weiterhin so unbekümmert um jede verklemmte Moral die Maiskolben reiten.

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