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„Reich oder tot“ bei Arte : Die schmutzige Ehe von Treue und Verrat

  • -Aktualisiert am

Hart und härter auf Abwegen: Die Polizisten Kessel (Fritz Karl, links) und Diller (Nicholas Ofczarek) müssen sich vor der Staatsanwältin rechtfertigen. Bild: ZDF/Marion van der Mehden

Mit dem Krimi „Reich oder tot“ faltet der Genre-Spezialist Lars Becker seine „Unter Feinden“-Saga weiter aus. Auf Wahrscheinlichkeit und Anstand pfeift er dabei leider.

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          Er darf das. Was man kaum jemandem durchgehen ließe im Drehbuchgewerbe – das umstandslos, fast schon verächtlich Hingerotzte einer archetypischen Milieu-Handlung, die nur Vorwand ist, um bis ins Mark kaputte und zugleich hochsympathische Figuren ein beeindruckend intensives Kammerspiel aus Verrat und Treue, Schwäche und Ermannung aufführen zu lassen – das ist bei Lars Becker, dem einzigen Genre-Regisseur von Format im deutschen Fernsehen, geradezu ein Versprechen auf wollüstige Transgression jedes Bildungsauftrags.

          Da stört es nicht die Bohne, wenn die beiden Vollkontaktbullen Mario Diller (Nicholas Ofczarek), der Wuchtige, und Erich Kessel (Fritz Karl), der Borderliner, von ihrer Informantin Dalida (Narges Rashidi) gleich zu Beginn in schönstem Panzerknacker-Sprech erfahren, dass ihr Loser-Macker Mohammed (Sahin Eryilmaz) und dessen Kumpel Randy (Felix Everding) „heut ’n Ding drehen“ wollen: „Ne Bank.“

          Es stört auch nicht weiter, dass nicht nur Kessel, der sich als Machofeminist outet – „Es gibt keine Frau ohne Ahnung“ –, zufällig in genau dieser Bank Kunde ist, sondern seine in Scheidung lebende und natürlich doch ahnungslose Frau Claire (Jessica Schwarz) just in diesem Moment ein wenig erfolgreiches Gespräch mit dem Direktor des Instituts führt, weil sie dringend einen Kredit braucht, um der epilepsiekranken Tochter Ruby eine teure Operation in den Vereinigten Staaten zu bezahlen.

          „Zum Sterben zu früh“ noch einmal gedreht

          Genau so muss es sein: Das Tableau ist hergerichtet. Man darf sich die Hände reiben angesichts des bevorstehenden Gewaltausbruchs und noir-schwarzen Rachespiels. Den Verzicht auf strenge Logik und kontrollierte Affekte hat man da längst unterschrieben (alle Genre-Mimosen werden von Arte sogar explizit gewarnt). Und in der Tat: Kaum dass Kessel und Diller in besagter Bank auftauchen, gibt es den ersten Toten. Außerdem wird Kessels Tochter als Geisel genommen, ein Klassiker.

          Kurze Zeit und einen weiteren Toten später hat sich das Spiel bereits gedreht, was Kessel wegen allzu harten Durchgreifens in Bedrängnis bringen wird. Dass er in dem Wahn lebt, alles wieder richten zu können, auch seine zerrüttete Ehe, wenn er nur endlich das Geld für die OP der geliebten Tochter auftreibt, zeigt Kessel als getriebenen, innerlich zerrissenen Charakter, der sich selbst belügt ob der edlen Motive für sein verhängnisvolles Überschreiten aller Regeln.

          Was dann aber doch ein wenig stutzig macht, ist der Umstand, dass man all dies schon kennt. Lars Becker hat mit „Reich oder tot“ einfach seinen grandiosen Diller-Kessel-Film „Zum Sterben zu früh“ (2015) noch einmal gedreht. Erzählerisch ist es schließlich unerheblich, ob nun selbstherrlich rammdösige Drogenhändler oder selbstherrlich rammdösige Bankräuber um die Kohle für die auch damals schon dräuende OP und die Rückeroberung der auch damals schon den Helden verachtenden Ehefrau erleichtert werden sollen.

          Nur in einer Hinsicht ein Gegenentwurf

          Der frühere Film war seinerseits bereits ein Prequel zu dem starken Hardboiled-Krimi „Unter Feinden“ (2013), der auf einer von München in Beckers Hamburg verlegten Romanvorlage von Georg M. Oswald beruht. Der heroinsüchtige Kessel rutscht darin so fatal ins Dunkle ab, dass den Schuldbeladenen nicht einmal mehr sein treuer Freund retten kann, womit eine Fortschreibung nur in Richtung Vorgeschichte möglich blieb.

          Nur in Bezug auf die Figur Kessels ist der neue Film ein Gegenentwurf. So rechtschaffen, clean und wenig impulsiv war er bislang noch nicht. Nun aber wird er zum Opfer seines eigenen Rufs, denn die Staatsanwältin (Melika Foroutan) ist nur allzu bereit, einer Intrige gegen den Ex-Junkie Glauben zu schenken.

          Das Ergebnis ist dasselbe: Diller, mit dem er diesmal auch sehr persönlich aneinandergerät, muss Kessel herausboxen. Erneut ist es der konzeptuelle Clou, alle Personen in ein stabiles Verratssystem zu bringen, in dem sämtliche Protagonisten von anderen Personen abhängen und sie zugleich zerstören können. Und auch in dieser Tragödie siegt am Ende wieder die über Leichen gehende Männerfreundschaft, wenngleich diesmal eine weitere Motivation hinzukommt.

          Feinstes Peperoni-Chips-Fernsehen

          Niemand könnte so etwas besser spielen als Fritz Karl und Nicolas Ofczarek, verstärkt von einem fidelen Martin Brambach, der den mühsam den Anschein der Legalität wahrenden Chef gibt. Und niemand kann das besser, also schmutziger und düsterer inszenieren als Lars Becker, der zudem ein Händchen für schrägen Humor besitzt, für den hier der mit irren Lügen und wirren Sprüchen auftrumpfende Mohammed zuständig ist: „An eurer Stelle würde ich mich jetzt gehen lassen. Ich hab keine Zeit.“

          Das ist feinstes Peperoni-Chips-Fernsehen. Weil der Anschluss an „Unter Feinden“ nun noch weniger stimmt als zuvor, könnte es durchaus weitergehen. Mal sehen, ob die Handlung dann etwas stärker variiert. Aber eigentlich ist das auch egal. Lars Becker darf das.

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