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TV-Film „Nachspielzeit“ : Treten und treten lassen

  • -Aktualisiert am

Roman (Frederick Lau) muss einstecken. Vorher hat er anderen allerdings übel ausgeteilt. Bild: © SWR/Lichtblick Media GmbH

Fußball gilt als Paradedisziplin des sozialen Aufstiegs. Im Film „Nachspielzeit“ ist es anders: Die jungen Leute, die hier auf den Platz gehen, haben nichts zu verlieren. Aber sie können gar nicht gewinnen.

          Von September an wird wieder gezeigt, was neu produziert wurde, und wie immer ist viel Konfektionsware darunter. Noch aber machen ARD und ZDF Platz für Langfilmdebüts und Kinokoproduktionen. Gezeigt werden Filme, die auf Festivals Meriten erworben haben. Filme, die man im Normalprogramm des übrigen Jahres höchstens spät in der Nacht zu sehen bekommt.

          „Nachspielzeit“ ist nach „Entzauberungen“ der zweite längere Film des Absolventen der Babelsberger Filmakademie Andreas Pieper. Uraufgeführt wurde er in diesem Jahr in Saarbrücken und gewann den Max-Ophüls-Preis. „Nachspielzeit“ ist eine Kiez- und Milieustudie, eine soziologische und gesellschaftliche Verortung von schlimmer Aktualität und, wie es im Pressetext heißt, gleichwohl ein „moderner Heimatfilm“. Ein Film mit einer Wendung zum Schluss, die die schonungslose Sicht auf die Gegenwart in Kreuzberg und Neukölln allerdings fast verrät.

          Brandsätze auf Baustellen

          Cem (Mehmet Atesci) ist Deutschtürke, links und arbeitet als Bundesfreiwilligendienstleister im Altenheim. Sein Vater Mahmut (Vedat Erincin) führt ein Restaurant, meist ohne Gäste, hinter dessen Räumen mit Calli Soric (Aleksandar Tesla) ein gewalttätiger Spekulant her ist. In Cems Zimmer hängen Erinnerungen an den Verein Besiktas Istanbul neben einem Foto von Andreas Baader und der Parole „Wir haben nichts zu verlieren außer unserer Angst“. Unterstützt wird er von Marc (Jacob Matschenz). Mittlerweile sprengt Cem nicht nur Wohnungsbesichtigungen mit Sponti-Tanzdemonstrationen, bei denen falsche Bärte, Perücken und eine Menge Konfetti eine Rolle spielen, sondern zündet auch Brandsätze auf Baustellen der Luxussanierungen. Vater Mahmut resigniert, versucht die Situation auszusitzen und flüchtet sich ins Glücksspiel, der Sohn will sich wehren. Im Internet schaut er sich Bilder der Demonstrationen auf dem Taksim-Platz an. Der Kiez aber ist seine Heimat. Und der Fußball.

          Mal einen Moment abschalten: Astrid (Friederike Becht) und Cem (Mehmet Atesci) machen einen Radtour.

          Roman (Frederick Lau) ist Ost-Berliner und rechtsradikal. Seine Bezüge werden auf dem Amt gekürzt, weil er sich nach Mieterhöhungen weigert umzuziehen. Seine prekäre Existenz wäre um vieles besser, wenn man den Ausländern nicht den Wohlstand der Deutschen hinterherwerfen würde, meint er. Sein arbeitsloser Vater, ebenso passiv wie der Cems, vertreibt sich den Tag in einer zugemüllten Wohnung. Alben mit Kinder- und Familienfotos stapeln sich zur Entsorgung im Flur. Lang her, winkt Torsten Liebach (Uwe Preuss) ab. Romans Großvater (Horst Westphal) ist ein ehemaliger DDR-Sportreporter, der den alten Zeiten in Cems Altenheim nachtrauert. Zynisch und mürrisch, weigert er sich, an den Altenbelustigungen teilzunehmen. Wenn die Pflegerin Astrid (Friederike Becht) „Berliner Luft“ am Flügel spielt und alle Verwirrten für einen glückseligen Moment das Tanzbein schwingen, offenbart sich für Liebach die Verlogen- und Vergessenheit der Nachwendezeit. Roman findet seine Heimat genau wie Cem im Fußballverein.

          Fußball also. Als Movens des sozialen Aufstiegs oder der Versöhnung spielt er nicht selten eine Hauptrolle. Hier aber pocht der bandenmäßig organisierte Calli, der Cems Schwester bedroht, auf Einhaltung der Spielregeln - seiner Regeln. Da wird ein Knie zerdroschen und soll ein Baseballschläger einen Kopf zertrümmern wegen einer Mietschuld. Das Spiel zwischen Birlikspor Neukölln und Empor Nordost gerät folgerichtig nicht zur Lektion in sozialem Miteinander, sondern zur kriegerischen Auseinandersetzung zwischen verfeindeten, frustrierten Spielern und einem völlig überforderten Schiedsrichter.

          Explosiv ist „Nachspielzeit“ in seinen Bildern und seiner drängenden Haltung vor allem dank der dichten Bildgestaltung von Armin Dierolf und dem Rap (Musik Uwe Bossenz), die dem Film eine ungewöhnliche Unvermitteltheit geben. Mehmet Atesci und Frederick Lau vermitteln die Aggressivität des Films anstrengungslos. Kompromissloser als vieles, was sonst im Fernsehen zu sehen ist, mag der Film nicht perfekt sein, aber er ist engagiert. Und das ist selten.

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