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„Verhör in der Nacht“ bei Arte : Die Zeit schmilzt

Das wird ein langes Gespräch: Sophie von Kessel und Charly Hübner in „Das Verhör in der Nacht“. Bild: © ZDF/ARTE/Sandra Hoever

Eine Professorin wartet aufs Taxi. Da bittet sie ein Polizist zum Gespräch. Sie gilt als Terrorverdächtige und Bombenlegerin: Arte zeigt Daniel Kehlmanns surreales Krimikammerspiel „Das Verhör in der Nacht“.

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          Um Viertel vor neun bestellt eine Frau ein Taxi. Sie schlendert aus ihrem Hotel, wechselt die Geschenktüten von einer Hand in die andere, wünscht der Empfangsdame in der Lobby „Frohe Weihnachten“. Es ist der 24. Dezember, Heiligabend, das traditionelle Festessen mit den Eltern steht an. Das Taxi kommt nicht. Dafür steht auf einmal ein Polizist neben ihr. „Dauert nicht lange“, sagt er und führt sie zurück in ihr Zimmer. Ein intimes Verhör beginnt, in dessen Verlauf auf beiden Seiten seelische Hüllen fallen.

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Fünfundachtzig Minuten dauert das Zwiegespräch der beiden, genauso lang wie Fred Zinnemanns Westernklassiker „High Noon“, der den mutigen Überlebenskampf von Marshall Will Kane ebenfalls in fünfundachtzigminütiger Echtzeit schildert. Die spannungsvolle Machart des Films nahm der Schriftsteller Daniel Kehlmann als Vorbild bei seinem Theaterstück „Heilig Abend“, das 2017 in Wien uraufgeführt wurde und die beiden Thrillerelemente Verhör und Countdown auf klassische Weise miteinander verschränkt.

          Denn bald stellt sich heraus, dass die Frau nicht nur eine Philosophieprofessorin mit einer altmodischen Vorliebe für den revolutionären Befreiungstheoretiker Frantz Fanon, sondern auch eine Terrorverdächtige ist, die zusammen mit ihrem Ex-Mann einen Bombenanschlag geplant haben soll. Kehlmann hat sein Theaterstück für das Fernsehen neu bearbeitet und noch einmal stärker verfremdet. Anders als auf der Bühne tickt hier im Zimmer keine Uhr, scheint die Zeit nicht davonzurennen, sondern sich auszudehnen: Alles wirkt unrealistisch und gerade deshalb bedrohlich. Charly Hübner gibt den Ermittler als spitzbübisch schmunzelnden Mephisto, der hin und wieder konventionelle Phrasen der Polizeisprache benutzt, aber dann gleich selbst karikiert („Kennen Sie ja aus dem Fernsehen“). Es ist, als ob er sich im Grunde viel lieber über existenzphilosophische Probleme und über seine Vorstellung, dass die Welt nur ein Traum ist, unterhalten würde als über die banale Frage, ob irgendwo eine Bombe tickt.

          „Wenn ein Baum umfällt und niemand es sieht, fällt er dann wirklich?“, fragt er die Fachfrau, die wiederum den Staatsschützer davon überzeugen will, dass er ein System stützt, das strukturell gewalttätig und schreiend ungerecht ist. Sophie von Kessel spielt – wie schon bei einer Aufführung des Stücks im Münchner Residenztheater – die retrorevolutionäre Lehrstuhlinhaberin, deren Auftreten von Ferne an die RAF-Sympathisanten der siebziger Jahre erinnert, kühl und etwas arg ausgestellt geheimnisvoll. Umso überraschender wirkt dann, dass sie – vom Polizisten durch eine Spielart des berühmten „Gefangenendilemmas“ in Bedrängnis gebracht – alles gesteht, um ihren angeblich gleichzeitig verhörten Ex-Mann vor einer Anklage zu schützen. Ein fesselndes Wortduell ist das nicht, was man hier in der klassischen Aufmachung eines Kammerspiels mitverfolgt, eher eine philosophische Szene, eine Unterhaltung über Recht und Unrecht und die Sehnsucht nach einer Tat beziehungsweise deren Aufdeckung: „Manchmal ist es besser, etwas Falsches zu tun als gar nichts“, sagt die Philosophieprofessorin schon fast melancholisch, als der Polizist ihr ein schwerverständliches („die Meinhof hätte das klarer formuliert“) Bekennerschreiben vorliest, das man auf ihrem Laptop gefunden hat.

          Von der ideologischen Gegenüberstellung eines Polizisten, der den Staat vor Terror schützen, und einer Theoretikerin des Widerstands, die ihre angelesenen Methoden zur Bekämpfung von Unrecht in die Tat umsetzen will, sieht man nicht viel. Dafür sind sich die Protagonisten zu ähnlich, zu sehr mit dem Milieu des anderen vertraut. Ein Polizist, der sich philosophische Fragen stellt, und eine Philosophieprofessorin, die weiß, wie man eine Bombe baut – das ist nicht einfach zu „ausgedacht“, wie man Kehlmanns Stück vorgeworfen hat, sondern auf verstörend-störende Art surrealistisch. So wie die Professorin ständig überrascht tut, wenn der Polizist Details aus ihrem (offenbar schon lange überwachten) Leben nennt, scheint der Film selbst sich über den Gegensatz von Sicherheit und Freiheit zu wundern.

          Er tut es still, ohne darüber in Rage zu geraten. Die ambitionierte Kamera beschränkt sich auf ein paar Einstellungen und Close-ups, am Anfang folgt sie heranrasenden Autoreifen und schnellen Schritten im Treppenhaus, danach ist sie heimliche Mitgefangene beim Verhör im Hotelzimmer. Klassisches Fernsehen ist „Das Verhör in der Nacht“ nicht. Regisseur Matti Geschonneck hat sich offensichtlich an filmischen Heroen wie Melville orientiert, um einen anspruchsvollen, die Konventionen des Thrillers unterlaufenden Film zu drehen. Nicht alle Manierismen gehen auf, nicht alle Spannungsbögen halten, aber den Versuch wert war es in jedem Fall.

          Das Verhör in der Nacht läuft an diesem Freitag, 27. November, um 20.15 Uhr bei Arte. Am kommenden Montag strahlt das ZDF den Film um 20.15 Uhr aus.

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