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Arte zeigt „Carlos“ : Der Söldner, den sie „Schakal“ nannten

Tritt auf wie Che Guevara und bekommt doch nur Lösegeld: Édgar Ramírez spielt den Terroristen Carlos Bild: Arte

Er machte aus dem Terrorismus ein Geschäft und wurde eine Figur im internationalen Machtspiel: Arte bahnt dem Film „Carlos“ von Olivier Assayas den Weg vom Kino ins Fernsehen.

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          Er war der Skrupelloseste und der Kaltblütigste im älteren, inzwischen historisch gewordenen Terrorismus der siebziger und achtziger Jahre. Und es mag mit dieser Besonderheit zusammenhängen, dass er, als Einziger, aus dem Terrorismus ein Geschäft zu machen verstand.

          Lorenz Jäger

          Freier Autor im Feuilleton.

          Carlos und sein Adlatus Johannes Weinrich konnten sich denn auch in der Tarnung als Geschäftsleute perfekt bewegen. Gewinn und Risiken von Terroroperationen werden, je länger, je mehr, businesslike abgewogen.

          Man möchte ja gern das „Nomen est omen“ abschaffen, aber es drängt sich in diesem Fall auf. Carlos, bürgerlich Ilich Ramírez Sánchez, trug in seinem Namen, der ihm nach Lenin (Iljitsch) gegeben worden war, einen Auftrag, er wurde bei der Taufe gleichsam delegiert. Und was Carlos (gespielt von Édgar Ramírez) von den anderen Terroristen der Epoche unterschied, war das Auftragshandeln; hinter ihm standen erst bloße Bewegungen, dann Staaten.

          Während die italienischen „Roten Brigaden“ und die deutsche RAF im Umkreis von 1968 entstanden und Hilfe zwar annahmen, ihren Aktionskreis im Großen und Ganzen aber auf das eigene Land beschränkten, lebten Carlos und seine Gruppe von ihren internationalen Verbindungen.

          Liebe in der Dunkelkammer. Carlos (Édgar Ramírez) und seine Geliebte und spätere Frau Magdalena Kopp (Nora von Waldstätten)

          So sah er sich von vornherein auch nicht als Guerrillero im heimatlichen Venezuela, wo schon Che Guevara gescheitert war, er sah nicht nur ideologisch, sondern auch operativ als Teil einer Weltbewegung. Die einzige Adresse aber, die sich unter diesen Voraussetzungen anbot, waren die radikaleren Palästinensergruppen. Der Vietcong, der damals noch im Kampf gegen die Vereinigten Staaten stand, unterhielt keine terroristischen Außenagenturen.

          Die Länge ist eine Qualität

          Der Film von Olivier Assayas akzentuiert den gegen Israel gerichteten Terror der siebziger Jahre, an dem auch die japanische „Rote Armee“ beteiligt war. Der erste Mordanschlag von Carlos richtete sich 1973 in London gegen den jüdischen Geschäftsmann Joseph Sieff, der einer zionistischen Vereinigung vorstand. Der Auftrag war von der PFLP gekommen, einer radikal marxistischen Palästinensergruppe. Sieff überlebte schwer verletzt.

          Der Film erzählt die Sache selbst. Und das heißt, er erzählt sie anders, als es Hollywood in anderthalb Stunden machen würde: Wir sehen keine psychologisch aufgepeppten Motivationsforschungen, keine privaten Dramen mit human interest, keine frühkindlichen Traumatisierungen, die uns den Menschen erklären. Der Film erzählt hart und ziemlich kühl, trotz der fünfeinhalb Stunden langweilt man sich nicht.

          Und das Stück braucht die Länge nicht aus Selbstverliebtheit, sondern weil anders die Geschichte in dieser Kälte nicht darstellbar wäre. Die Musik ist nicht gefühlig eingesetzt, sondern sparsam und meist hart.

          Carlos (Édgar Ramírez), ein Handlungsreisender des Terrors

          In der Carlos-Gruppe gab es eine starke Präsenz von Deutschen aus der Frankfurter Szene der „Revolutionären Zellen“, einer Konkurrentin der RAF. Vor allem Johannes Weinrich ist hier zu nennen, Carlos’ getreuer Eckart bis zur letzten Station, Sudan. Alexander Scheer spielt ihn ungemein glaubwürdig - in der ganzen Überheblichkeit, die er noch der DDR-Stasi gegenüber an den Tag legte, als diese der Gruppe zwar Unterschlupf in Ost-Berlin gewährte, aber sorgfältig darauf schaute, nicht zu eng mit dem Terror in Verbindung gebracht zu werden. Auch die Darstellerin von Magdalena Kopp, der Geliebten und späteren Ehefrau von Carlos, ist nicht genug zu rühmen: Nora von Waldstätten.

          Ein weiterer Frankfurter war beteiligt, als Carlos 1975 in Wien die Tagung der Außenminister der erdölproduzierenden Länder (Opec) überfiel: Hans-Joachim Klein, genannt „Angie“, gespielt von Christoph Bach. Die Minister wurden als Geiseln genommen, Klein erlitt einen Bauchschuss. Der Film legt nahe, dass Saddam Hussein, damals irakischer Staatschef, ein persönliches und politisches Interesse daran hatte, weil er eine Erhöhung des Ölpreises für seine Aufrüstung gegen Iran brauchte. Andere sehen eher Libyen im Hintergrund - unter anderem Hans-Joachim Klein in späteren Aussagen.

          Kokettieren mit der Che-Ikonographie

          Medial verkauft wurde die Aktion von Carlos aber als Unterstützung der palästinensischen Sache. Dieser Anschlag war in gewisser Weise ein Wendepunkt des Terrors. Denn nun trat erstmals die Erpressung von Geld in den Vordergrund, die Rede ist von einer Summe zwischen zwanzig und fünfzig Millionen Dollar. Und es ist eine eigene Ironie, dass Carlos, der sonst bürgerlich auftrat, just dieses eine Mal mit der Che-Ikonographie des Erlöser-Guerrilleros kokettierte, den Kopf von einem Barett bedeckt.

          Während die PFLP vom Ausgang der Opec-Geiselnahme enttäuscht war - die abgemachten Liquidierungsopfer waren verschont worden - und den „Schakal“ ausschloss, fanden sich neue Auftraggeber. Und so wird Carlos eine Figur im internationalen Machtspiel. Im Hintergrund steht die Sowjetunion, sie hat ihre Satelliten in Europa und Klienten im Nahen Osten, wie etwa Syrien. Hier kann die Gruppe sich frei bewegen.

          Alles läuft nach Plan, das Gebäude ist gestürmt, die Situation unter Kontrolle. Die Vertreter der OPEC-Staaten befinden sich in der Gewalt von Carlos (Édgar Ramírez, re.) und seiner Truppe

          Nur die Ungarn sind vorsichtig genug, Carlos so zu überwachen, dass er nervös wird und auf die Agenten schießt - und eine der wirklich komischen Szenen des Films zeigt die geradezu kakanische Höflichkeit, mit der die Ungarn ihn bitten, ihr Land zu verlassen. Er erledigt nun schmutzige Jobs für die Syrer auf französischem Staatsgebiet.

          Aber die Zeit läuft ab. Als die Sowjetunion aufgibt, fallen auch die anderen Unterstützer. À propos Sowjets: Der Film erlaubt sich doch ein wenig Fiktion, wenn er den KGB als Auftraggeber eines Anschlags auf den ägyptischen Präsidenten Sadat glaubhaft machen will.

          Am Ende bleibt nur Sudan. Und hier wird der Film auch etwas folkloristisch. Johannes Weinrich weiß nun: „Der Krieg ist vorbei, und wir haben verloren.“ Dann holt ein französisches Flugzeug Carlos ab, das Risiko war für Sudan zu groß geworden, man konnte keine Geschäfte mehr mit ihm machen. In Paris sitzt er nun im Gefängnis und kümmert sich um seinen Nachruhm.

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