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Arte zeigt „Wacken - Der Film“ : Darf es auch ein bisschen lauter sein?

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Von Zeit zu Zeit sieht man den Alten gern: Auch Alice Cooper pilgert nach Wacken. Bild: Arte/ICS Festival/Holger Fichtner

Ausgerechnet, wenn im Ersten das Spiel Deutschland gegen Italien läuft, verfeuert Arte eine fulminante Hommage an ein monumentales Rock-Festival: „Wacken – Der Film“ ist ein echter Hammer.

          Laut Mikkey Dee, von 1992 bis zur Auflösung der Band 2015 Schlagzeuger von „Motörhead“, gibt es drei Arten von laut: sehr laut, superlaut und krankenhauslaut. Sehr laut ist für Weicheier. Krankenhauslaut würde die extrem gehobene Stimmung der martialisch gewandeten, heftig kopfkreisenden, trinkenden, enthusiastischen Fans nicht über die Anstrengung vierer fast schlafloser Tage im August tragen. Also superlaut. Und superlaut sollte der Ton schon sein für den bombastischen Festivalfilm „Wacken“, der erstmals 2014 in adäquat aufgedonnerter 3D-Version im Kino lief und nun bei Arte seine Fernsehpremiere feiert. Wer nicht die Lautstärke kurz vor den Anschlag zu drehen bereit ist, ist für Hard Rock und Heavy Metal, für ihre Magie und Mythen sowieso verloren. Der Untertitel dieser mit Dokumentation nur unzureichend beschriebenen Anbetung der in Fankreisen klassischen Trias von Headbanging, E-Gitarrenheldentum und Gemeinschaftsekstase lautet nicht umsonst „Louder than hell“.

          Es ist im Grunde alles wie bei einem anständigen katholischen Ordensgottesdienst. Ohne den Weihrauch, den entsprechenden Habit und die brausende Orgel wären das sinnliche Vergnügen der Entgrenzung des Einzelnen in die Gemeinschaft der Gläubigen und die Anbetung des Göttlichen nur halb so erhebend. Und wahrlich – irgendwann gegen Ende dieser biergeschwängerten, busenverehrenden, sinnesüberwältigenden, vollkommen unkritischen Film gewordenen Verehrung des Rock’n’Roll in seinen härteren Spielarten finden Besucher tatsächlich ein im Regen aufgeweichtes Buch mit dem Titel „Heavy Metal Bible“. Was machen sie draus? Ein Freudenfeuerchen. Und witzeln über die Asche Gottes. Der große Platz vor der Bühne heißt im Übrigen „Das Heilige Land“.

          Am ersten Wochenende im August findet in diesem Jahr zum 27. Mal das größte Heavy-Metal-Festival der Welt am Außenrand der kleinen schleswig-holsteinischen Gemeinde Wacken statt. 1990 aus der Taufe gehoben, kommen inzwischen Fans aus Taiwan, der Inneren Mongolei, China und Indien. Engländer sind sich einig, dass dies das beste Festival der Welt ist, und man die britischen getrost vergessen könne. In den letzten Jahren waren die 75.000 Tickets jeweils innerhalb eines einzigen Tages ausverkauft. Inzwischen bietet der Veranstalter „Goodie Bags“ („Full Metal Bag“) an, in denen neben faltbaren Plastikflaschen auch Ohrstöpsel und Heftpflaster mit Wacken-Logo enthalten sind. Und während Veranstaltungen wie „Rock am Ring“ vor allem als kommerziell gesteuerte Massen-Events mit musikalischen Großverdienern wahrgenommen werden, ist die Begeisterung erstaunlich, mit der Bands wie Anvil und unverwüstliche alte Herren wie Alice Cooper weiterhin den Spirit und die besondere familiäre Atmosphäre von Wacken preisen. Alle Künstler wirken, als würden sie jederzeit Geld mitbringen, um hier auftreten zu können.

          Mehrere Dokus über Wacken gibt es schon, darunter mit „Full Metal Village“ der deutsch-südkoreanischen Filmemacherin Sung-Hyung Cho eine mehrfach preisgekrönte, die die Skurrilitäten der friedlichen Koexistenz von Kühen und Langhaarigen, von bäuerlichen Dorfbewohnern und weltläufigen Höllenmusikapologeten satirisch aufs Korn nimmt.

          Das sieht nach harter Arbeit aus: Die Herren von Anthrax legen sich ins Zeug.

          „Wacken – Der Film“ ist gänzlich anders. 2013 mit sechs Kamerateams und achtzehn Kameraleuten gedreht, zeigt er Auftritte der Hard-Rock-Altmeister wie Deep Purple („Smoke on the Water“ in Gänze), die gigantische Show, die Alice Cooper zu „School’s Out“ auf die Bühne zaubert (vier die Zuhörer gemeinsam schwindligspielende Gitarrenzauberer) und den 2015 verstorbenen Lemmy Kilmister, Frontmann von Motörhead, auf der Höhe ihrer Kunst. Rammstein spielt „Du hast“, Anthrax „I am the Law“, Sabaton „The Art Of War“. Die Menge rastet aus, Schlägereien aber sind selten. Höchst Eigenwilliges beherrscht das „Newcomer Battle“ mit Siegern nationaler Ausscheidungswettbewerbe aus aller Welt. Interviewschnipsel der Heavy-Metal-Größen geben den ideologischen Überbau („Musik ist wie Sex, Essen und Leben“, „Musik ist die höchste Ausformung der Humanität“ – das würde auch Daniel Barenboim kaum anders formulieren).

          Schneller, härter, lauter – das Basteln an der Legende macht nicht nur dem Regisseur Norbert Heitker unglaublichen Spaß. Am Ende bleiben zerbrochene Campingstühle und Mengen von Müll. Die Abreise der Zehntausende aus dem gelobten Land vollzieht sich genauso friedlich und geordnet wie die Ankunft. Heitker gibt uns dazu den Blues, begleitet von einer einzigen Akustikgitarre. Fast schon Stille. Und dazu das apologetische Glaubensbekenntnis: „It’s great because it’s fuckin’ Wacken.“ Der Rest ist Luftgitarre.

          Warten sie auf den Sonnenuntergang? Wacken-Fans mit 3D-Brillen.

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