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Arte-Serie „Burning Bush“ : Innere Emigration, Widerstand oder Flucht

  • -Aktualisiert am

Die Helden von Prag: „Burning Bush“ erzählt die Geschichte von Jan Palach, der sich 1969 selbst verbrannte und folgt weiteren engagierten jungen Menschen durch das Ende des „Prager Frühlings“. Bild: © HBO/Dusan Martincek

Als die Russen kamen: Die dreiteilige Arte-Serie „Burning Bush“ erzählt vom Ende des Prager Frühlings im August 1968 und zeigt, wie sich nach dem sowjetischen Einmarsch die Angst in der tschechischen Gesellschaft breit machte.

          Wer einem Film den Titel „Burning Bush“ gibt, darf sich nicht wundern, wenn er gefragt wird, wie er das meint. Unter einem „Burning Bush“ kann man sich ja alles Mögliche vorstellen, nicht nur der ehemalige Präsident der Vereinigten Staaten kommt einem da irgendwie in den Sinn.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Śtěpán Hulík also, der das Drehbuch zu besagtem Film geschrieben hat, schien denn auch nicht erstaunt, als er auf den Titel angesprochen wurde: Er wisse schon, sagte er, dass in der atheistischen Tschechischen Republik nur wenige Menschen mit der Geschichte von Moses vertraut seien, dem Gott in der Wüste in Gestalt eines brennenden Dornbuschs erschien. Trotzdem empfand er das Bild dieses Busches, der „brannte, ohne zu verbrennen“, als so passend zu seinem Thema, dass er das in dieser Titelgebung lauernde Pathos großzügig übersah.

          Dabei hätte eine bescheidenere Titelwahl die Symbolkraft seiner Geschichte ebenso gut zur Geltung gebracht. Viel braucht es ja nicht, um zu erklären, welche Bedeutung Jan Palach für das Selbstverständnis der Tschechen spielt. Denn das Gedenken an den Studenten, der sich am frühen Nachmittag des 16. Januar 1969 auf dem Prager Wenzelsplatz selbst in Brand steckte, um gegen die Besatzung der Tschechoslowakei durch Truppen des Warschauer Paktes zu protestieren, stand auch am Anfang jener Demonstrationszüge 1989, die das Regime zusammenbrechen ließen.

          Zwischenräume eines historischen Ereignisses

          Dass die Geschichte von Jan Palachs Selbstverbrennung erst jetzt verfilmt wurde, ist vor diesem Hintergrund das wahrhaft Erstaunliche. Dass sich ihrer mit der polnischen Regisseurin Agnieszka Holland und dem Produzenten Jan Mojto, der 1969 selbst aus der Tschechoslowakei floh, Menschen angenommen haben, die eine persönliche Verbindung zu ihr haben, überrascht dagegen weniger. Es erklärt aber vielleicht, warum der Film aus drei Teilen mit einer Gesamtlänge von rund 210 Minuten besteht, obwohl es zwanzig Minuten weniger genauso getan hätten. Das allerdings ist, neben der Wahl des Titels, auch das Einzige, was es an diesem Projekt auszusetzen gibt.

          Denn vordergründig widmet sich der Film zwar der Geschichte von Palachs spektakulärer Selbstverbrennung. Aber er löst sich schnell von ihr und erzählt bald, was anschließend mit der Tschechoslowakei geschah. Ja, die Russen haben, wie wir wissen, nach der Niederschlagung des Prager Frühlings die Macht im Land übernommen. Aber eben nicht von heute auf morgen. Auch ihr auf Angst basierendes Herrschaftssystem brauchte eine gewisse Zeit, um sich in der Gesellschaft zu verankern - und von genau dieser Zeit handelt dieser Film.

          Er verbrannte sich selbst: Ein Straßenbahnmitarbeiter versucht, den Studenten Jan Palach (Lukás Cernoch) zu retten. Bilderstrecke

          Er beschäftigt sich nicht nur mit dem symbolträchtigen Ereignis, sondern lotet die Zwischenräume aus, die den Menschen danach, zumindest eine Weile lang, noch offenstanden. Er zeigt, wie sich die Schlinge der Unterdrückung langsam zuzog, wie jedem Einzelnen allmählich klar wurde, was die Stunde geschlagen hat, und auch, welche Möglichkeiten einem nun blieben.

          Kleine Gesten mit enormer Wirkungskraft

          In einer der besten Szenen sehen wir beispielsweise einen Rechtsanwalt, der von einem Mitarbeiter des Geheimdienstes erpresst wird: Die Tochter des Anwalts hatte sich an einer Demonstration von Studenten beteiligt. Jetzt droht sie im Gefängnis zu landen und er seinen Job zu verlieren, so stellt es zumindest der Geheimdienstler dar. Und wie er dann, nach einer wohlgesetzten Pause, den sich bereits windenden Vater auffordert, nun aber erst mal seinen Kaffee zu trinken - „denn kalt schmeckt er nicht“ -, und das Trinken des Kaffees somit zu einem Akt der Unterwerfung wird, ist schlicht großartig. Für diese Szenen, kleine Gesten, in denen sich die Zersetzung der Freiheit am Beispiel eines Einzelnen zeigt, nimmt sich der Film viel Zeit, und in diesen Sequenzen ist er am besten.

          Er zeigt, wie Jan Palachs Mutter (Jaroslava Pokorná), die wegen Ehrverletzung ihres Sohnes gegen einen Abgeordneten der Kommunistischen Partei vor Gericht zieht, so lange mit Anrufen belästigt wird, bis sie gar nicht mehr ans Telefon geht; er folgt der Rechtsanwältin Dagmar Buresová (Tatiana Pauhofová), die Palachs Mutter vertritt und nun mit ansehen muss, wie ihr Ehemann seine Arbeit verliert; er führt uns schließlich den Geheimpolizisten Jires (Ivan Trojan) vor, der den Fall Palach aufklären soll, aber bald merkt, dass seine Behörde an der Wahrheit gar kein Interesse mehr hat.

          Am Beispiel all dieser Figuren macht der Film also deutlich, welche Optionen die Menschen hatten, dass zwischen innerer Emigration, Widerstand und Flucht kein Leben möglich war, das sich nach unseren Maßstäben als normal bezeichnen ließe.

          Oft, und das passt natürlich zu der Okkupation, die sich bald in den Köpfen breitmachte, bleibt der Kameramann Martin Strba dabei sehr nah an den Gesichtern der Figuren. Weitaus mehr als an den Ereignissen lässt sich an ihren Mienen ablesen, wie die Zeit der Reaktion anbrach - und genau dafür kann man das ganze Ensemble nicht genug loben.

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