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TV-Doku zu Friedensnobelpreis : Vergewaltigung als Vernichtungswaffe

  • -Aktualisiert am

Wurde zur Botschafterin ihres vom Genozid bedrohten Volkes: Nadia Murad. Bild: © RYOT Films

Arte stellt zwei Träger des Friedensnobelpreises vor: Die Jesidin Nadia Murad bezeugt den Genozid an ihrem Volk. Denis Mukwege operiert Opfer schwerster sexueller Gewalt.

          Wenn am 10. Dezember der Friedensnobelpreis 2018 verliehen wird, wird man den diesjährigen Preisträgern Nadia Murad und Dr. Denis Mukwege wieder einmal auf bewegte Weise danken. Mit Tränen in den Augen, wie im Dezember 2015, als die junge irakische Jesidin vor dem UN-Sicherheitsrat vom Genozid an ihrem Volk durch die Terrormiliz IS, von ihrer eigenen Entführung im August 2014 und dem Überleben als Sexsklavin sprach.

          Bei jedem Auftritt als Aktivistin, ob vor dem amerikanischen Kongress, dem kanadischen Parlament oder in Radiosendungen, ermuntert man Nadia Murad, ihr Trauma für uns alle wieder und wieder zu durchleben. Über ihre Familie zu reden, deren zahlreiche Mitglieder tot oder vermisst sind. Und über die Zeit im Flüchtlingslager, das sie als Hölle beschreibt, vor ihrer Behandlung in Deutschland. Die Fünfundzwanzigjährige spricht leise und verhalten. Ihr Bericht ist klar, sachlich, direkt und erschütternd. Und politisch folgenlos?

          Der kongolesische Gynäkologe Dr. Denis Mukwege, der 2013 schon den Alternativen Nobelpreis erhielt und Träger des Sacharov-Preises ist, Sohn eines beliebten Pastors, tut seit Jahren ein Gleiches. Wenn er nicht unter UN-Blauhelmschutz vor Ort die entsetzlichsten Verstümmelungen operiert, spricht er weltweit über die Greueltaten der Hutu- und Tutsi-Rebellen und der Regierungstruppen in der Demokratischen Republik Kongo, die gezielt an Mädchen und Frauen verübt werden. Mukwege ist Experte für die Behandlung von Verletzungen durch Gruppenvergewaltigungen. Beide, Nadia Murad wie Denis Mukwege, haben die Ehrung durch das Nobelpreiskomitee – und die dazugehörigen Mittel für ihre Kampagnen – hoch verdient.

          Er bringt Hoffnung: Denis Mukwege operiert Frauen, die Opfer schwerster sexueller Misshandlung wurden.

          Was aber, lautet die zentrale Frage, wird der Friedensnobelpreis tatsächlich erbringen an zusätzlicher weltöffentlicher Aufmerksamkeit, und vor allem an direkter Unterstützung der (Welt-)Politik für beider Kampf gegen Vergewaltigung als Vernichtungsmittel und Kriegsstrategie? Beide haben bewegende Bücher vorgelegt, die ihre Lebensgeschichte nachzeichnen und die Motive beschreiben, die ihrem Engagement zugrunde liegen.

          Der Film von Alexandria Bombach über Nadia Murad ist trotz oder gerade wegen der beschriebenen Verbrechen zurückhaltend. Ein sensibles Porträt, das auch das Zwiespältige des ungewollten Aktivistinnen-Ruhms nicht ausspart. Alexandria Bombachs zeigt Nadia Murad nicht nur als Repräsentantin und in der ihr zugefallenen Rolle. Sie nimmt die ganze Person behutsam in den Blick. Einen Friseursalon habe sie einst aufmachen wollen, erzählt Nadia Murad. Um Frauen in der Entfaltung ihres Selbstbewusstseins durch Schönheit zu bestärken. Nun reicht man sie auf großen politischen Bühnen herum. Den neuerlichen, ganz anders gearteten Verlust der Selbstbestimmung dieser jungen Frau zeigt Alexandria Bombach ganz beiläufig.

          Der Film über Denis Mukwege von Thierry Michel ist schon aus dem Jahr 2015, konventioneller gemacht, beeindruckt aber durch die dargestellte Persönlichkeit immens. Im Operationssaal, in dem die Kamera Zeuge sein darf, genau wie Chirurgen, denen er innere Verletzungen zeigt und Operationsmöglichkeiten erörtert, die diese kaum für möglich gehalten haben, wird der Arzt einmal unglaublich wütend. „In den Kriegsgebieten finden die Schlachten auf den Körpern der Frauen statt“, heißt es im Filmkommentar.

          Mukwege benennt auch den „Irrsinn“, mit dem Schamanen Männer auffordern, Kinder zu vergewaltigen, weil solches Tun Reichtum bringe. Mehr als ein Dutzend dieser Fälle habe er zuletzt operiert, drei Mädchen wurden zu Tode penetriert – vier Jahre, zwei Jahre und neun Monate alt. Vor kurzem hatte er ein zwei Monate altes Baby in Behandlung. Mukwege hat eine Stiftung gegründet, um die Männer aufzuklären. Beschützer sollen sie sein, nicht Täter.

          Auf die Frage, warum er sich so engagiere, hat Mukwege eine vermeintlich simple Gegenfrage: „Wie können wir schweigen?“ Auch Nadia Murad antwortet ähnlich. Die Filme von Alexandria Bombach und Thierry Michel, auch der kürzlich von Arte ausgestrahlte Film über die von Boko Haram in Nigeria entführten „Chibok-Mädchen“ oder die Dokumentationen von Heidi Specogna zur Lage in der Zentralafrikanischen Republik („Carte Blanche“, „Cahier Africain“) reden erschütternd vom Thema Vergewaltigung als Waffe. Wer immer ihre Berichte aushalten kann, die vieltausendfache Realität spiegeln, sollte sich auch die Filme über Nadia Murad und Denis Mukwege ansehen. Und dann?

          Nadia Murad, am Sonntag, 9. Dezember, 22.20 Uhr; Dr. Mukwege: Der Mann, der Frauen repariert, um 23.55 Uhr bei Arte.

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