https://www.faz.net/-gqz-9wpct

Serie „Obwohl ich dich liebe“ : Auge um Auge, Herz um Herz

  • -Aktualisiert am

Verbindet Emilie (Majda Abdelmalek, li.) und Rebecca (Clotilde Hesme) mehr als nur ihre beiden Männer? Bild: © Caroline Dubois

Hitchcock umgegendert: Eine französische Miniserie spielt mit der Abgründigkeit in Eheidyllen – das ist ein Fest des Suspense.

          3 Min.

          Dass es nicht nur idyllisch werden wird, deutet schon der Vorspann an, eine in kaltes Licht getauchte Traumsequenz, in der Rebecca (Clotilde Hesme), die Protagonistin, vor ihrem Haus mit Steinen beschossen wird und die verstörend mit einem erschlagenen Kind endet. Vielleicht könnte man schon hier an Alfred Hitchcocks ersten Hollywoodfilm „Rebecca“ denken, der ebenfalls mit einem Traum begann. Die Heldin kehrte darin zu dem ausgebrannten Anwesen ihres Gatten, des Witwers Maxim de Winter, zurück. Diesem Ort hatte sie einst den Geist ihrer allseits geliebten – nur wenige wissen: egomanen, im Streit gestolperten und fatal gestürzten – Vorgängerin Rebecca auszutreiben, was sie beinahe die liebe Seele kostete. Immer wieder finden sich Splitter dieses Proto-Ehedramas in der Serie von Mathias Gokalp nach einem Drehbuch von Ingrid Desjours, Florent Meyer und Gokalp selbst.

          Schon aber holt uns die neue Rebecca in die Gegenwart zurück. Schön und nackt liegt sie in der Wanne. Gern lassen wir uns dann ins bürgerliche Idyll einer Kleinstadt in der Franche-Comté entführen, mitten hinein ins Eheglück dieser sympathischen Ärztin, das allenfalls leicht getrübt wird vom brennenden Kinderwunsch ihres Mannes Romain (Jérémie Renier), eines erfolgreichen Autohändlers (auch das ein „Rebecca“-Zitat). Zum Missfallen der Gattin führt das nämlich zu Sex nach Kalender: „Glaubst du, dass es erregend ist, wenn du über Monate meinen Eisprung überwachst? (...) Ich hab das Gefühl, du siehst mich nur noch als Gebärmutter.“ Es scheint sie auch deshalb zu stören, weil just gegenüber ihr arbeitsloser, Drogen zugeneigter Schwager (Finnegan Oldfield) mit seiner neuen Freundin (Majda Abdelmalek) eingezogen ist und lautstarken Leidenschafts-Sex am offenen Fenster praktiziert: „Die wollen es der Welt zeigen.“

          Neu gerahmt und mit Vergangenheit beschwert

          Das Tempo zieht dann merklich an. Ein gemeinsamer Abend mit Romains cholerischem Bruder und seiner impulsiven, schwangeren Freundin entgleist ohne echten Grund. Andeutungsvoll fließt blutroter Wein auf den Teppich. Romain versucht noch, den handgreiflichen Streit, dessen Zeuge er und Rebecca geworden sind, zu entschuldigen: „Die funktionieren so. Einen Abend treiben sie es wild, und an anderen schreien sie sich an.“ Als die Eheleute in der Nacht aber beobachten, wie der Bruder einen eingerollten Teppich ins Auto wuchtet, wächst das Misstrauen weiter. Weil die Freundin verschwunden bleibt und zudem ein Blutfleck auftaucht, stellen die beiden den Bruder zur Rede, was in der Katastrophe endet. Der sensible Romain, der das Geschehene – Stolpern und Stürzen auch hier – nicht verkraftet, landet nach einem Suizidversuch in der Psychiatrie. Die große Implosion aber hat da gerade erst begonnen. Eine zunächst unverständliche Wendung, die die Auftaktfolge beschließt, deutet es an: Jetzt geht es der kleinbürgerlichen Idylle an den Kragen.

          Alles, was wir gesehen haben, wird nun neu gerahmt, mit Vergangenheit beschwert und in zumindest angestrebter Hitchcock-Manier in einer wilden Abfolge aus „Suspense“ und „Surprise“ gen Abgrund geführt. Was zunächst nach Dekonstruktion einer Ehe aussah, entfaltet sich in eine moderne Orestie voll blühender Rachephantasien. Die im Original trefflich verspielt „Amour fou“ benannte Serie lässt uns den nicht sonderlich plausiblen, aber atemberaubenden Plot-Twists auch deshalb mit Staunen folgen, weil man ihr, anders als heimischen Produktionen oder Hollywood-Hochglanz-Serien, bald alles an psychopathologischer Bösartigkeit zutraut. Nicht einmal Kinder scheinen hier vor der dunklen Macht der Erinnyen sicher zu sein. Zugleich sehen wir glaubhaft Leidende: Vergeltungssehnsucht und Schmerz verkörpern die Darsteller mit großer, nie aufgesetzt wirkender Intensität.

          Mehrfach wählt die Kamera von Christophe Orcand den Blick durch ein Kaleidoskop, was sich als gute Verbildlichung des dramaturgischen Zugriffs dieses über einer Lebenslüge errichteten Thriller-Dramas anbietet. Indem fernsehübliche Paarszenen mit Spiegeln umstellt werden und dann unablässig um einen imaginären Mittelpunkt kreisen, einen wunden Punkt in der Vergangenheit, zerspringt das romantische Paradigma und seine Reste bilden immer neue, faszinierende Muster aus Vertrauen und Betrug, Erinnerung und Lüge, Liebe und Hass. Welche Lebensrealität sich daraus noch zusammensetzen lässt oder ob alles zerfällt, ist (bei aller Übersteigerung) interessant zu sehen.

          Und auch an der Hitchcock-Vorlage arbeitet sich die Serie eher unkonventionell ab: Was wäre, fragt sie in einem Genderrollensalto, wenn die übel beleumundete Rebecca von 1940 nicht nur nicht gestolpert wäre, sondern guten Grund gehabt hätte für ihr Verhalten. Die eiskalte Schlussfolgerung: Für manch unschuldige Figur hätte das in einer Kühltruhe geendet.

          Alle drei Episoden von Obwohl ich Dich liebe laufen heute ab 21.10 Uhr auf Arte.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.