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„Abenteurer der Kunst“ : Davon macht man sich gar kein Bild

Picassos Muse Fernande Olivier: nicht gemalt vom Meister selbst, sondern von der Dokumentaristin Amélie Harrault, die einen sehr ausgefallenen Film über die Kunst gestaltet hat. Bild: © Silex Films/Financière Pinault

Bei Arte treffen wir heute die „Abenteurer der modernen Kunst“: Wer denkt, er wüsste alles über Picasso, Chagall oder Matisse, wird staunen, was die malende Dokumentaristin Amélie Harrault mit ihnen anstellt.

          3 Min.

          Die Straßen von Montmartre liegen wie hingetuscht da, als die Silhouette eines jungen Mannes über ihre Pflastersteine huscht. Seine Taschen sind leer, sein Kopf ist voller Ideen: Max Jacob ist Maler, Dichter, Kindermädchen, Klavierlehrer, Schreinerlehrling, Wahrsager und Lagerist. Noch wenige Schritte, dann wird er im Schaufenster eines Kunsthändlers, der früher Clown und Zuckerbäcker war, seinen ersten Picasso entdecken und kurz darauf mit dem Spanier eine Freundschaft fürs Leben schließen. Beide beziehen gemeinsam eine winzige Bruchbude im Schatten von Sacré-Cœur, in der sie nur abwechselnd schlafen können, Picasso tags, Jacob nachts. Wir schreiben das Jahr 1900, Paris ist die Stadt der Lichter, der Weltausstellung und der Zukunft, und Bohemiens wie Jacob und Picasso malen sie.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          So beginnt in der hinreißend animierten Dokumentation von Amélie Harrault und Pauline Gaillard das Märchen von der Verwandlung der sichtbaren Welt durch die Kraft der Bilder. Aber das ist noch nicht alles: „Die Abenteurer der modernen Kunst“ ist ein Possenspiel in vielen Akten, eine Sammlung ineinander verschränkter Schelmenerzählungen, eine Tour de Force durch die Kunstgeschichte, eine Familiensaga, eine Collage voller Witz und am Ende eine fast wortlos vorgetragene Skizze der Barbarei, in die das Jahrhundert stürzte. In der letzten Episode der sechsteiligen Serie sehen wir Max Jacob wieder, da ist er kaum mehr als ein Schatten seiner selbst. Es ist März 1944, und der deportierte Künstler wartet im Lager von Drancy auf den Tod.

          Es genügen wenige Pinselstriche

          Mit wenigen Pinselstrichen Schreckliches andeuten oder das Leben als Fest ausmalen, altbekannte Anekdoten visuell neu erfinden und zu Denkmälern erstarrten Lebensläufen berühmter Künstler wieder Beine machen - dass sich die junge französische Filmemacherin Amélie Harrault darauf versteht, hat sie schon mit ihrem Erstling „Mademoiselle Kiki und das Leben in Montparnasse“ gezeigt, der sich ebenfalls im Paris der Avantgarde bewegte. Eigentlich hatte Amélie Harrault bildende Kunst studiert, um Gemälde zu restaurieren. Dann entdeckte sie, wie viel Spaß es macht, Bilder mit Animationen zum Leben zu erwecken. Nichts anderes tut Amélie Harrault in ihren Filmen: in „Kiki“ eher im Stil eines Comics, in „Die Abenteurer der modernen Kunst“ in Anverwandlung der mannigfaltigen Stile, die nach der Jahrhundertwende entstanden.

          Darf ich vorstellen, mein nächstes Meisterwerk: Als Picasso seinen Freunden die „Demoiselles d`Avignon“ zeigte, wussten auch sie nicht, was sie dazu sagen sollten.

          Immer geht sie vom historischen Material aus, von Fotos, Gemälden, Zeichnungen all der großen Namen: Picasso, Braque, Matisse, Derain, Chagall, Soutine, Modigliani und wie sie alle heißen. Amélie Harrault malt die Künstler und ihre Werke nach, und schon zucken Blitze durch Pablos schwarze Augen, wenn er zum Pinsel greift, um Gertrude Stein zu malen und an dieser Aufgabe zu scheitern - vorerst -, und in Apollinaires Blick malt sich der Schmerz über seine verlorene Liebe, während ein Reigen antikisch nackter Frauen zu Klaviermusik durch die Weinpfütze auf der Theke vor ihm tanzt. Aus Fotoalben steigen die Charaktere, und den Stift zu heben gerät zur Geste des Picadors, der den Stier besiegen will, schnell, bevor die Granaten des Ersten Weltkriegs alles zerreißen, was nach Art lavierter Tuschezeichnungen, aufs Blatt geworfener Aquarelle oder eilig zusammengeklebter Collagen entsteht und vergeht.

          Kombiniert mit Szenen aus Stummfilmen und zeitgenössischem Dokumentarmaterial, wird daraus unter Pauline Gaillards Schnittregie eine fortlaufende Geschichte. Sie fußt auf den Büchern, die der Schriftsteller Dan Franck über die Pariser Kunstszene der klassischen Moderne geschrieben hat. Im Film wird daraus kein Drama mit unterschiedlichen Sprechrollen, sondern ein erzählter Bilderbogen, dem in der deutschen Fassung dieses Arte-Films Anke Engelke ihre Stimme leiht. Und das macht sie so gut, dass man, wenn man es nicht weiß, erst nach einer ganzen Weile darauf kommt, dass man diese gleichermaßen lebhafte wie ruhige Erzählerin schon einmal irgendwo gehört hat - nur in anderer Tonlage.

          Künstler von Montparnasse, gleich hecken sie den nächsten Clou aus: Louis Aragon, Jaques Prévert, Elsa Triolet und Wladimir Majakowski (von links).

          Sechsmal eine knappe Stunde scheinen auf den ersten Blick opulent bemessen für einen Parforceritt durch das, was Museen allerorten immer wieder rauf und runter erzählen mit ihren Blockbuster-Ausstellungen über die Entstehung der Moderne und ihre Heroen. Die Filmemacherinnen allerdings sind ebenso wenig darauf aus, einen besonders hübschen Museumsführer zu präsentieren, wie neue oder überraschende Erzähllinien aufzuzeichnen. Sie springen einfach mit dem größten Vergnügen dahin, wo die besten Storys warten.

          Was gibt es nicht alles zu erzählen: wie es war, als übermütige Bohemiens, von denen jeder anders seltsam angezogen war, einen Esel mit seinem Schweif ein Bild malen ließen („Sonnenuntergang über der Adria“). Wie Picasso und Apollinaire der kalte Schweiß ausbrach, als die Mona Lisa aus dem Louvre gestohlen wurde und herauskam, dass auch die katalanischen Masken in Picassos Atelier Diebesgut aus dem Museum waren. Wie Matisse mit seinem Gemälde „Le bonheur de vivre“ nicht nur einen Skandal auslöste, sondern Picasso zu seinen „Demoiselles d’Avignon“ anstachelte. Das Bild war so verblüffend andersartig, dass auch dem Letzten dämmerte: Hier versucht jemand gerade etwas völlig Neues. Wobei die meisten dachten, hier versuche nur jemand, sich besonders frech über das Publikum lustig zu machen. Und dann waren da noch all die Liebschaften, Freundschaften, Feindschaften. Immer neue Figuren treten auf - Kahnweiler, Nancy Cunard, Man Ray, Simone de Beauvoir und Sartre, Capa, Hemingway -, deren Wege durch zwei Weltkriege hindurchführen.

          Es liegt viel Naivität im Blick dieser Dokumentation, aber genau das macht ihren Charme aus. Sie will weder belehren noch Letztgültiges liefern, sondern nimmt sich die Freiheit zu zeigen, was für ein Vergnügen es ist, die Dinge mit eigenen Augen zu sehen.

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