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„Land der Einzelkinder“ auf Arte : Für das zweite Kind gab es keinen Platz

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Die Regisseurin Nanfu Wang (Mitte), hier als Kind mit ihren Eltern, ist seit zwei Jahren selbst Mutter und entdeckt in ihrer Familie, welche ungeheuren Entscheidungen getroffen werden mussten, um die harten Strafen des Staates während der Ein-Kind-Politik zu umgehen. Bild: Nanfu Wang

„Wir kämpften einen Bevölkerungskrieg“: In ihrem Film „Land der Einzelkinder“ zeigt die Regisseurin Nanfu Wang, wie Chinas Bevölkerungspolitik wirklich aussah.

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          In einem chinesischen Wohnzimmer sitzen Mutter und Tochter beieinander und sprechen über die Vergangenheit. Nanfu Wang, die Tochter, ist mittlerweile Regisseurin und lebt in Amerika. Während des Gesprächs wiegt sie ihren Säugling sanft hin und her. Seit sie selbst Mutter ist, kann sie nicht aufhören, über ihre Kindheit nachzudenken. Sie hat viele Fragen, will die Welt, in der sie aufgewachsen ist, besser verstehen – dieses China der achtziger Jahre, in dem alle Menschen nur noch ein Kind haben sollten. Die Antworten, die sie in ihrem Dokumentarfilm mit ihrer Koregisseurin Jialing Zhang erhält, haben wohl ihre schlimmsten Erwartungen übertroffen, was die chinesische Gesellschaft angeht als auch ihre eigene Familie.

          „Als dein Bruder geboren wurde, hatte deine Oma schon einen Bambuskorb bereitgestellt“, erzählt Nanfu Wangs Mutter. Weil die Familie auf dem Land wohnte und das erste Kind ein Mädchen gewesen war, hatte man ihr erlaubt, nach fünf Jahren ein zweites zu bekommen. Da dieses dann ein Junge war, kam der Bambuskorb nicht zum Einsatz. Das war keine leere Phrase, wie sich herausstellt, als die für die Kamera hübsch zurechtgemachte Frau weiterspricht. Gefasst erzählt sie von unvorstellbaren Grausamkeiten, derer sie sich schuldig gemacht hat. Der Zuschauer wartet auf die Reaktion der Tochter. Doch der Knall bleibt aus.

          Wenn von Chinas Ein-Kind-Politik die Rede ist, die 35 Jahre lang galt, bis sie 2015 für beendet erklärt wurde, geht es meistens um die Folgen: Die Eindämmung des Bevölkerungswachstums, die Steigerung der Lebensqualität, das soziologische Phänomen einer jungen Bevölkerung, die nahezu ausschließlich aus Einzelkindern besteht. Welche drastischen Maßnahmen die Behörden ergriffen, um das Gesetz in der Praxis durchzusetzen, wird ausgelassen.

          Der Dorfvorsteher berichtet über die Strafen

          Ihre Recherche führt die Regisseurinnen über die Grenzen von Nanfu Wangs Heimatdorf hinaus, das Ausmaß des Horrors wird aber schon hier deutlich. Der Dorfvorsteher berichtet über die Strafen, die Familien zu erwarten hatten, wenn sie mehr als ein Kind bekamen. Die Hebamme, die Nanfu Wang vor mehr als dreißig Jahren auf die Welt brachte, erzählt von Zwangssterilisationen und -abtreibungen, teilweise im achten und neunten Monat. Heute hat sie ihr Leben der Behandlung von Menschen mit Fruchtbarkeitsproblemen verschrieben und glaubt, dass jedes Kind, das mit ihrer Hilfe zur Welt kommt, hundert getötete Föten wieder wettmacht. Ein kleineres Verhältnis ließe die Hoffnung auf Seelenheil unerreichbar erscheinen.

          Die Tatsache, dass hier eine junge Mutter mit Menschen spricht, die sie kennt, die ihr teilweise sehr nahestehen, macht das Geschehene noch schockierender und zugleich fassbarer. Als Nanfu Wang den Dorfvorsteher fragt, ob sie mit sterilisierten Frauen sprechen dürfe, blafft eine Greisin sie an. „Jetzt mach ihm bloß keinen Ärger. Sonst kriegt deine Mutter es mit mir zu tun. Merk dir das! Auch wenn dein Onkel Funktionär ist.“ „Nein, nein, keine Sorge“, wiegelt Wang ab: ein Einblick in Machtstrukturen, die heute wie damals gelten. Die Filmemacherin stellt sich dem mit großer Ruhe und unbedingtem Willen zum Verständnis. Auch jenseits ihres Bekanntenkreises bewegt sie Interviewpartner zu erstaunlicher Offenheit.

          Menschenhändler berichten von internationalen Adoptionsgeschäften, von denen alle Beteiligten außer den Babys und leiblichen Eltern profitiert hätten. Eine ehemalige Familienbeauftragte erzählt von ihrer Arbeit, die mitunter darin bestand, schwangere Frauen an der Flucht vor der Abtreibung zu hindern. Vom Staat wurde sie dafür mehrfach feierlich ausgezeichnet. Wohl sei ihr dabei nicht gewesen, aber persönliche Gefühle hatten bei der Ausführung von Parteibefehlen keinen Platz. „Die Ein-Kind-Politik hat dem Land mehr Macht, dem Volk mehr Wohlstand und der Welt mehr Frieden beschert“, verkündete die Kommunistische Partei, als die Ein-Kind-Politik abgeschafft wurde.

          Auf ihrer langen Suche finden Nanfu Wang und Lialing Zhang in China niemanden, der diese Behauptung in Frage stellt, auch nicht angesichts furchtbarerer Verbrechen und unsagbaren persönlichen Verlusts. „Wir kämpften einen Bevölkerungskrieg“, sagt die ehemalige Familienbeauftragte. Über die Opfer dieses „Krieges“ wird kaum gesprochen. Das zumindest wird dieser Film ein Stück weit ändern.

          Land der Einzelkinder, um 20.15 Uhr bei Arte.

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