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Arte-Krimi zum Mitmachen : Der Krimi, dem alle ins Netz gehen

  • -Aktualisiert am

Ihr Fall lässt sich ohne den Zuschauer nicht abschließen: Kriminalbeamtin Judith Lebrun (Camille Japy) Bild: Maha Productions

Die Tote im Fernsehen, der Prozess online: Arte verheddert sich „Mit innerer Überzeugung“ crossmedial. Die Suche nach dem Täter wird zur Nebensache.

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          Paul Villers ist ein Mann von ermüdender Durchschnittlichkeit - Vater zweier Kinder, liebender Ehegatte, Pathologe, passionierter Reiter. Das Leben könnte bedenkenlos schön sein da unten an der französischen Atlantikküste, an der er lebt, aber dann liegt seine Frau eines Abends tot im Kinderzimmer. Erschossen. Das Blut rinnt ihr aus dem Schädel, während die elektrische Eisenbahn der Söhne noch ein paar einsame Kreise um sie dreht.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Der Gatte ist erschüttert. Er hat seine Frau, die schöne Manon (Marie Bäumer), nämlich nicht nur geliebt, sondern auch umsorgt, denn Manon litt unter manischen Depressionen, und niemand zweifelt daran, dass sie in einem Augenblick tiefsten Kummers ihrem Dasein selbst ein Ende setzte. Niemand bis auf die Polizistin Judith Lebrun (Camille Japy), die in dem Film „Mit innerer Überzeugung“ (Regie: Rémy Burkel, Drehbuch: Dominique Garnier) stets mit ihrem Dienstgrad angesprochen wird, dem im Französischen so schön donnernd klingenden „Capitaine“, dem einzigen französischen Wort übrigens, das der sonst dürftigen Synchronisation nicht zum Opfer gefallen ist. Dass Madame la Capitaine zweifelt, ist, anders als der Film es uns glauben machen will, jedoch kein Ausweis professioneller Unbestechlichkeit. Die Indizien, über die sie stolpert - fehlende Schmauchspuren etwa und Fingerabdrücke an der Hand der Toten -, lassen vielmehr tief blicken, was den Dilettantismus ihrer Kollegen angeht und leider auch jenen dieses Films.

          Im Film bleibt der Fall ungelöst, im Internet geht er weiter: Dort darf das Publikum jetzt Richter spielen

          Das ist insofern besonders schade, als sich dieser Film selbst nicht als abgeschlossenes Werk betrachtet, sondern vielmehr als eine Art Ouvertüre. Denn die Frage, ob der Ehemann es nun war oder nicht, wird hier, anders als in Krimis üblich, nicht gelöst. Manches spricht dafür - die Tatsache etwa, dass Manon einen Liebhaber hatte, der behauptet, sie habe ihren Mann verlassen wollen. Manches spricht aber auch dagegen - vor allem der Ehemann selbst, der darauf besteht, es nicht gewesen zu sein, und dem man dank der (als einziger hervorzuhebenden) schauspielerischen Leistung von Philippe Torrenton dieses Beharren auch abnimmt. Letztlich fehlen die Beweise. Was bleibt, ist das Misstrauen der Kommissarin.

          Täglicher Online-Einsatz ist gefragt

          Dieses soll aber nicht Madame Lebrun umtreiben, sondern vor allem die Zuschauer. Geht es nach dem Willen von Arte, sollen die sich nach dem Abspann nämlich an ihre Computer setzen und in den kommenden einundzwanzig Tagen mit allen Beteiligten vor ein virtuelles Gericht ziehen. Dazu hat der Sender eine eigene Website konzipiert, die das umsetzt, was man wohl unter crossmedialem Fernsehen versteht - also die Fortschreibung einer fiktionalen Geschichte unter Einbeziehung des Publikums im Internet. „Was ist Ihre innere Überzeugung?“, heißt es da. Genau diese soll, wie es der französischen Rechtstradition entspricht, am Ende darüber entscheiden, ob Paul Villers der Prozess gemacht wird oder nicht. Wer immer sich als virtueller Schöffe, als Anwalt für oder gegen ihn einsetzen möchte, kann das fortan also täglich tun.

          Ob der Film, der sich als Aufgalopp begreift, den Balanceakt zwischen Zweifel und Gewissheit aber häufig recht ungeschickt in Szene setzt, dazu angetan sein wird, das Publikum auch für diese Fortführung zu begeistern, bleibt eine offene Frage. Sie ist nach Lage der Dinge wohl auch die spannendste, die man in diesem Fall erwarten darf.

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