https://www.faz.net/-gqz-a2bsh

Film zu Flussbaumeister Tulla : Sein Rhein gehört uns allen

Maßnehmen: Steffen Schroeder spielt den Ingenieur Tulla. Bild: Arte

Er dachte groß: Arte erzählt die Geschichte des Flussbegradigers Johann Gottfried Tulla. Ohne ihn wäre der Rhein nicht der Strom, der er heute ist.

          3 Min.

          Dieser Mann bezwingt die Natur: Mit den Mitteln avanciertester Technik formt Johann Gottfried Tulla aus Wildnis urbares Land zum Wohle der Menschen. Nicht die Erde, aber doch einen Fluss macht der Ingenieur sich im Auftrag des Großherzogs von Baden untertan, indem er das mit gnadenloser Unberechenbarkeit dahinrauschende Wasser von Deutschlands größtem Strom aus mäandernden Schlingen in ein am Reißbrett vorgezeichnetes Bett zwingt. Achtzig Kilometer seines Laufs wird der Rhein bis 1862 zwischen Basel und Bingen verlieren, er wird schneller fließen, sich tiefer eingraben und besser schiffbar sein. Statt Ortschaften oder Inseln fortreißende Hochwasser und die Malaria aus den Auwäldern zu fürchten, werden die Anrainer hinter Dämmen am kanalisierten Fluss Obst anbauen, sicher Handel und Wandel treiben können und ihren Wohlstand mehren.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          So geht ein Heldenepos aus dem endenden Zeitalter der Aufklärung, über dessen Abendrot schon die Rauchwolken der Dampfmaschinen aufziehen und von der industriellen Revolution künden. Wissenschaft und Technik versprechen die Bändigung der Naturgewalten, die den Menschen bedrohen und unterjochen. Das passt zum politisch revolutionären Klima, in dem Männer wie Napoleon Bonaparte Geschichte schreiben und aus Freiheitskämpfern gewaltsame Eroberer werden.

          Wutbürger gegen Soldaten

          In der von Arte und dem SWR koproduzierten Doku-Fiction „Der Flussbaumeister – Wie Tulla den Rhein begradigte“ erscheint der 1770 in Karlsruhe geborene Titelheld zuweilen selbst wie ein kleiner Napoleon: Hoch zu Ross befehligt er, in den Rang eines Offiziers befördert, kein Heer aus Soldaten, sondern eine Armee gedungener Bauern mit Schippen und Schubkarren. Bei Knielingen wird 1817 der erste Durchstich ins Werk gesetzt: Quer durch das von einer Rheinschleife umflossene Land graben Arbeiter einen schmalen Kanal, in den sodann der Fluss sich fräst. Die Knielinger, im Reenactment wahre Wutbürger, leisten Gegenwehr. Sie wollen ihre Äcker und Weiden nicht am anderen Ufer auf pfälzischer Seite wiedersehen, und sie fürchten – zu Recht – um ihre Fischgründe. „Der Rhein gehört nicht dir, er gehört uns allen“, rufen sie. Soldaten brechen den Widerstand mit Gewalt. Gab es Tote oder Verletzte? Rief Tulla: „Nicht schießen“?

          Strammstehen für den Großherzog: Tulla (Steffen Schroeder, Mitte) erwartet mit seinen Mitarbeitern den Souverän.
          Strammstehen für den Großherzog: Tulla (Steffen Schroeder, Mitte) erwartet mit seinen Mitarbeitern den Souverän. : Bild: Reuters

          All das ist, wie so vieles aus dem Leben des Wasserbauingenieurs nicht überliefert. Die von Peter Bardehle treuherzig inszenierten Spielfilmszenen mit dem Vater-Sohn-Gespann Steffen Schroeder und Karl Leven Schroeder als älterem und jüngerem Tulla können nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir über den Privatmann Tulla nichts wissen, außer, dass er Junggeselle blieb, mit seinem Landesfürsten um Geld feilschte und Theaterkomödien nicht abgeneigt schien. Dennoch gelingt es dem Film durch steten Wechsel zwischen Experteninterviews und Schauspiel eine Vorstellung von dem historischen Kontext und einem Menschen zu vermitteln, der groß dachte und mit seinem die gesamten badischen Steuereinnahmen eines Jahres verschlingenden Mammutprojekt Bleibendes schuf: die Grundlage dafür, dass der Rhein als wichtigste Verkehrsader für die Binnenschifffahrt Europas pulsiert und an seinen gesicherten Ufern Häfen wachsen und Industrien Fuß fassen konnten.

          Wir erfahren, wo überall auf dem Kontinent der Pfarrerssohn Tulla, mit einem Stipendium seines Herzogs ausgestattet, Vermessungstechnik, Wasser- und Bergbau studierte – und welch entscheidenden Einfluss das kaiserliche Frankreich, mit dem das Großherzogtum Baden lange paktierte, auf ihn hatte. Keine Rheinbegradigung ohne das in Paris festgelegte einheitliche Maß des Meters oder Tullas Horizonterweiterung an der brandneuen École polytechnique, konstatiert die Dokumentation. Sie ist auch ein Werbefilm für das Nachbarland als Hort technischer Neuerungen. Die Begradigung des von Napoleon als Grenzfluss angestrebten Stroms bot wesentliche Vorteile bei der Scheidung von Hüben und Drüben: Ein Kanal zieht ein klare Linie, ein sich unentwegt verändernder, kilometerbreiter Wildfluss ist ein kartographischer und damit geopolitischer Albtraum.

          Bardehle spannt den Bogen über Tullas frühen Tod 1828 in Paris (an Blasensteinen? Malaria? Atemnot?) hinaus bis in unsere Gegenwart. In der müssen wir Bewohner des Anthropozäns uns fragen, wo der Mensch zu brachial in die Natur eingegriffen hat, wo er sein einst übermächtiges Gegenüber in die Knie gezwungen hat – auch zu unserem Schaden. Fischtreppen an Staustufen, Renaturierungen und eine neue Wertschätzung der Auen als Retentionsräume, als Wasserschutzgebiete und ökologische Oasen sollen lokal wiedergutmachen, was Tulla und seine Nachfolger dem heutigen Verständnis nach mehr verbrochen als gewonnen haben. Ein nutzbarer, lebendiger Fluss aber ist eine ewige Baustelle mit vielen Bauherren, auf der sich immer neue Probleme stellen. Was passiert, wenn invasive Stechmückenarten es sich in naturnahen Altwasserarmen gemütlich machen?

          Blicke in das auf Tulla zurückgehende Karlsruher Institut für Technologie runden die freundlich-kritische Würdigung eines überragenden Ingenieurs ab, der als Mensch ein Phantom bleibt, aber sich und seiner fortschrittsfreudigen Ära auf Hunderten Stromkilometern ein Denkmal setzte – überzeugt davon, dass es die Bestimmung des Menschen sei, das Antlitz der Erde zu formen. Das Lebensmotto, dem er dabei folgte: „Der Tadel wird vergehen, das Gute bestehen.“ Davon scheint dieser Film sich, obwohl er es nicht nennt, hat leiten lassen.

          Der Flussbaumeister – Wie Tulla den Rhein begradigte, heute um 20.15 Uhr bei Arte

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ein Patient im Intensivzimmer eines bayerischen Krankenhauses.

          Coronavirus : Krankenhäuser reduzieren Betten für Covid-Erkrankte

          Nur noch zehn Prozent der Intensivbetten werden künftig freigehalten: Ärzte befürchten bei einer zweiten Welle Engpässe in der Pflege. Der Präsident der Bundesärztekammer warnt davor, auf die Quotenregelung ganz zu verzichten.
          Dunkle Wolken über Mehrfamilienhäusern aus der Gründerzeit im Prenzlauer Berg (Archivbild)

          Immobilienmarkt : Der Mietendeckel verschärft Berlins Wohnungsnot

          In Berlin können Mieter bald verlangen, die Miete auf eine gesetzlich vorgegebene Grenze zu senken. Schon jetzt wirkt sich das umstrittene Instrument zur Preisdämpfung massiv auf den Wohnungsmarkt aus. Selbst die Genossen sind verärgert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.